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Meditationen

Schau dir in die Augen

Von Osho

Beziehungen könnt ihr vergessen. Lernt lieber, wie ihr euch beziehen könnt. Sobald ihr in einer Beziehung seid, seht ihr einander als selbstverständlich an. Daran scheitert jede große Liebe: Die Frau glaubt den Mann zu kennen, der Mann glaubt die Frau zu kennen. Dabei kennt keiner keinen. Den andern zu kennen ist unmöglich, der andere bleibt ein Mysterium. Und den andern als selbstverständlich anzusehen ist beleidigend, respektlos.

Zu glauben, dass du deine Frau kennst, ist sehr, sehr undankbar. Wie kannst du diese Frau kennen? Wie kannst du diesen Mann kennen? Sie sind Prozesse und keine Dinge. Die Frau, die du gestern kanntest, ist heute nicht mehr da. Inzwischen ist sehr viel Wasser den Ganges hinab geflossen; sie ist eine andere, vollkommen andere. Beziehe dich wieder, fang wieder an, nimm nichts als selbstverständlich.

Und der Mann, mit dem du gestern Abend geschlafen hast … schau ihm am nächsten Morgen ins Gesicht. Er ist nicht mehr dieselbe Person, so viel hat sich verändert. So viel, so unvorhersehbar viel hat sich verändert. Das ist der Unterschied zwischen einem Ding und einem Menschen. Die Möbel im Zimmer sind noch dieselben, aber der Mann und die Frau, die sind nicht mehr dieselben. Erforscht euch erneut, fangt wieder an. Das ist es, was ich mit „sich beziehen“ meine.

Sich beziehen heißt, dass ihr immer erst anfangt, immer versucht, einander kennen zu lernen. Immer wieder stellt ihr euch einander vor. Versucht, die vielen Facetten der Persönlichkeit des anderen zu erkennen; versucht, immer tiefer und tiefer in das Reich des andern vorzudringen, bis hinein in die geheimsten Gefühle und verborgensten Winkel seines Seins; versucht ein Geheimnis zu lüften, das gar nicht zu lüften ist.

Das ist die Freude der Liebe: euer Bewusstsein zu erforschen. Und wenn ihr euch aufeinander bezieht, und es nicht auf eine „Beziehungskiste“ reduziert, dann wird euch

der andere zum Spiegel. Indem ihr ihn erforscht, erforscht ihr unwillkürlich auch euch selber. Indem ihr immer tiefer in den andern eintaucht, in seine Gefühle, seine Gedanken, seine tieferen Regungen, erkennt ihr auch eure eigenen tieferen Regungen. Liebende werden für einander zum Spiegel und dann wird Liebe zur Meditation. Beziehungen sind abstoßend, Sich-beziehen ist wunderschön.

In einer Beziehung werden alle beide blind für einander. Denk nur mal nach: Wie lange ist es her, dass du deiner Frau in die Augen geschaut hast? Wie lange ist es her, dass du deinem Mann in die Augen geschaut hast? Vielleicht Jahre. Wer würdigt schon seine eigene Frau eines Blickes? Für dich steht ja längst fest, dass du sie kennst. Was gibt es da noch groß zu sehen? Du interessierst dich mehr für Fremde als für die Menschen, die du kennst – du kennst die Topografie ihres Körpers, du weißt, wie sie reagieren, du weißt, dass alles, was ihr miteinander erlebt habt, sich nur noch ständig wiederholen wird. Es ist ein Teufelskreis.

Das stimmt nicht, das ist nicht notwendig so. Nichts wiederholt sich je; alles ist mit jedem Tag neu. Nur deine Augen werden alt, deine Annahmen werden alt, dein Spiegel sammelt Staub an, und du bist nicht mehr in der Lage, den andern zu spiegeln.

Darum sage ich: „Bezieht euch aufeinander!“ Indem ich das sage, meine ich: „Bleibt ununterbrochen in den Flitterwochen“. Untersucht und erforscht einander immer weiter, entdeckt neue Möglichkeiten, einander zu lieben, neue Möglichkeiten des Zusammenseins. Und jeder Einzelne ist ein so grenzenloses Geheimnis, so unerschöpflich, unauslotbar, dass es gar nicht möglich ist, irgendwann zu sagen: „Jetzt kenne ich sie“ oder „Jetzt kenne ich ihn.“ Allenfalls kannst du sagen: „Ich habe mein Bestes versucht, aber dieses Rätsel ist mir nach wie vor ein Rätsel.“

Tatsächlich wird dir der andere in demselben Maße immer rätselhafter, je mehr du ihn kennenlernst. Dann ist die Liebe ein nicht endendes Abenteuer.

 

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