Keine Angst vorm Fehlermachen
„… Halte kurz inne und besinne dich: Ist dies dein ersehnter Weg? Oder schwebt dir vielleicht verschwommen ein hohes, kaum zu erklimmendes Gebirge vor Augen und du siehst eine große Zukunft winken? Sei gewarnt. Der Weg muss um seiner selbst willen gewählt werden, nicht deinen Füßen zuliebe, die ihn wandeln werden.“
Der Weg ist nicht bekannt. Andere können dir ihn nicht zeigen, man kann dir keine Wegbeschreibung in die Hand drücken. Der Weg ist nicht zu zeigen, ist nicht zu übertragen. Du musst ihn selber suchen.
Wir meinen gewöhnlich, wir bräuchten nur ans Ziel zu gelangen, der Weg dahin aber wäre vorgegeben. Es gibt unzählige Wege, von denen die Leute reden, und sie alle führen zum gleichen Ziel. Es gilt, das Ziel zu entdecken, das Ziel zu erreichen! Aber der Weg? Der Weg ist vorgegeben - ja, allzu sehr: Es gibt viel zu viele Wege!
Aber so ist es nicht; denn der Weg und das Ziel sind nicht zweierlei. Der Weg selbst wird zum Ziel. Der erste Schritt ist bereits der letzte, weil der Weg und das Ziel nicht zweierlei sind. Der Weg verwandelt sich, indem du ihn gehst, zum Ziel. Es kommt nicht darauf an, über das Ziel nachzudenken. Das Wichtigste ist, über den Weg nachzudenken. Entdecke deinen Weg: Mache den Weg ausfindig.
Aber wir sind alle so hirngewaschen, dass jeder meint, sein Weg wäre ihm in die Wiege gelegt worden. Der eine ist Christ, ein anderer ist Hindu, ein dritter ist Mohammedaner. Sie glauben, sie hätten ihren Weg von ihrer Gesellschaft, ihrer Kultur, ihrer Erziehung mitbekommen. Nein, deinen Weg kannst du von keinem anderen bekommen. Weder deine Gesellschaft noch deine Kultur noch deine Erziehung kann dir deinen Weg aushändigen. Und du wirst ihn nur deshalb selber ausfindig machen müssen, weil du durch dein Nachforschen verwandelt werden wirst.
Ein geborgter Weg ist ein Holzweg. Er taugt nicht für die Reise, er wird nirgends hinführen. Du magst an ihn glauben, er mag dir Trost spenden, er mag dich verführen, deine eigene Reise auf die lange Bank zu schieben: weil du ja den Weg bereits kennst, kannst du die Reise jederzeit antreten … Aber sobald du Ernst damit machst und den geborgten, offiziellen Weg tatsächlich gehst, stehst du im Regen.
Du wirst deinen Weg selber ausfindig machen müssen. Der ist nicht so leicht zu finden; da wimmelt es von Fehlermöglichkeiten. Aber ohne Fehler ist nichts zu gewinnen, also habe den Mut, ruhig Fehler zu machen. Du magst auf den Holzweg geraten, aber es ist besser, auf einem Holzweg vorwärts zu kommen als stillzusitzen, denn zumindest lernst du damit, dich in Gang zu setzen, zumindest lernst du dabei, wie ein Holzweg aussieht. Auch das ist gut; denn Ausscheidungsprozesse helfen weiter. Du wirst diesen Weg gehen und merken, dass er nirgends hinführt. Dann wählst du einen anderen Weg und wirst merken, was daran nicht stimmt. Und im Erkennen dessen, was nicht stimmt, lernst du zu verstehen, was stimmt.
Also nur keine Angst vor dem Fehlermachen! Nur keine Angst vor Holzwegen. Leute, die zu viel Angst vor dem Fehlermachen und vor Holzwegen haben, werden gelähmt. Die bleiben nur, wo sie sind, setzen keinen Fuß vor die Tür.
Fass dir ein Herz und mach deinen eigenen Weg ausfindig. Und imitiere nicht den Weg eines anderen, wer es auch ist. Nachahmung wird dich niemals zur Freiheit führen. Es kommt nicht darauf an, dem Weg eines andern zu folgen; es kommt darauf an, selber zu suchen. Sei ein Sucher und kein Gefolgsmensch. Und mach dir den Unterschied ganz klar. Auch ein Sucher folgt, aber er ist kein Nachahmer. Auch ein Sucher folgt, aber er folgt nur um zu suchen, zu entdecken. Er bleibt hellwach, er hat seine Augen überall. Ein Gefolgsmensch wird blind; er wird abhängig – spirituell versklavt. Er schiebt seine Verantwortung einem anderen in die Schuhe, und an den klammert er sich dann. Ein Sucher übernimmt selbst die Verantwortung. Er ist wach, verantwortungsbewusst – entdeckt jeden Tag etwas Neues, probiert jeden Tag etwas Neues aus. Er ist unängstlich, macht sich verwundbar, offen für jedes neue Licht, schlägt bereitwillig jede beliebige Richtung ein, die sich seinem Blick bietet. Wenn er merkt, dass er auf dem Holzweg ist, sagt er nicht etwa: „Aber jetzt habe ich so viel in diesen Weg investiert – da kann ich nicht umkehren!“ Er wird auf diesen Weg pfeifen, wird alles drangeben, was er in ihn investiert hat, und an den Punkt zurück gehen, wo er losgezogen ist und wieder ganz von vorn zu lernen anfangen – beim ABC.
Ein Sucher ist jederzeit bereit umzusteigen, aber ein Anhänger ist dickköpfig. Lieber verschließt er die Augen, als dass er das Licht sieht – schließlich hat er so viel investiert!
Einmal kam ein Jaina Mönch zu mir. Er sagte, er sei nun schon seit dreißig Jahren Jaina Mönch. „Inzwischen weiß ich, dass dieser Weg nichts für mich ist, aber ich kann ihn jetzt nicht verlassen. Denn was würde ich tun, wenn ich ihn verließe? Ich habe keine Ausbildung. Ich wurde schon als Kind zum Mönch geweiht. Diese dreißig Jahre Mönchsleben haben mich absolut von anderen abhängig gemacht. Ich besitze keinerlei Fertigkeiten; ich kann keine körperliche Arbeit verrichten. Und ich bin so angesehen! Selbst große Kapitalisten suchen mich auf und verbeugen sich vor mir. Wenn ich mein Mönchsein an den Nagel hänge – von dem ich jetzt weiß, dass es nichts für mich ist – würden genau diese Leute, die jetzt meine Füße berühren, mich nicht mal als Türhüter einstellen. Was also soll ich machen?“
In der Tat, große Investitionen. Sein ganzes Ansehen, seine Hochachtung und Ehre stehen jetzt auf dem Spiel… Also riet ich ihm: „Wenn du wirklich ein Sucher bist, wirf einfach alles hin. Sei ein Bettler oder sei ein Narr, aber sei nicht verlogen. Wenn du weißt, dass dieser Weg nichts für dich ist, dann wirf auch all das hin, was dieser Weg dir einbringt. Sei nicht verlogen, sei nicht unaufrichtig.“
Er sagte: „Ich will mich bedenken. Aber ich find das ein bisschen viel verlangt.“
Er bedenkt sich nun bereits seit drei Jahren. Er hat mich nie wieder aufgesucht. Er wird es auch in Zukunft nicht tun. Er ist ein Gefolgsmensch, kein Sucher. Ein Sucher ist im Stande alles hinzuwerfen, sobald er erkennt, dass etwas für ihn nicht in Frage kommt. Ohne zu zögern.
In diesem Sutra heißt es: MACH DEN WEG AUSFINDIG. Sei ein Sucher, kein Gläubiger.
SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH NACH INNEN ZURÜCKZIEHST.
Und wenn dir etwas begegnet, das dich anspricht – deinen Verstand, deine Logik, deinen Geist anspricht, etwas, das dir einzuleuchten scheint, das wahr zu sein scheint, dann ist noch nicht genug. Dein Verstand mag zwar sagen, dass es wahr ist, aber es ist vielleicht gar nicht wahr. Solange du es nicht ausprobierst, solange du noch keine Erfahrung damit gemacht hast, hältst du noch nichts in Händen. Durch Logik ist nichts zu entdecken. Logik kann zwar eine Hilfe sein, aber mach sie nicht zum springenden Punkt. Der springende Punkt ist immer in dir. Experimentiere und sammle Erfahrungen. Und solange du keine Erfahrung machst, mach dir nicht vor, ihn gefunden zu haben - deinen Weg gefunden zu haben. Nur durch Erfahrung werden Theorien zu Wahrheit.
SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH NACH INNEN ZURÜCKZIEHST. Sobald du eine Technik, einen Weg gefunden hast, zieh dich nach innen, in dein Inneres zurück. Dort experimentiere - nur deiner Individualität, deinem Herzen ausgesetzt. Mach deine Erfahrungen. Denk nicht einfach nur immer darüber nach, was Meditieren heißen mag. Tu‘s! Nur so kannst du erkennen, worum es da geht. Nicht jede Technik muss die richtige für dich sein – dann weg damit und probier‘s mit einer anderen. Es gibt hunderte von Meditationstechniken – da muss zwangsläufig eine darunter sein, die zu dir passt. Die Menschheit müht sich seit Jahrtausenden ab, frei zu werden; und jeder Menschentyp hat schon zur Befreiung gefunden, jede denkbare Meditationstechnik ist bereits gefunden worden. Du bist nicht neu; du bist nicht zum ersten Mal hier. Es sind schon viele wie du hier gewesen und den Weg gegangen; die meisten Techniken sind längst entdeckt.
Sieh dich um. Aber sei authentisch, sei aufrichtig, wenn du dich umsiehst. Und sieh dich um mit vollem Einsatz deiner Energie. Wenn eine bestimmte Technik nichts bringt, denn lass die Finger davon und wende dich der nächsten zu.
Ganz früher war das Erste, was ein Meister tat, wenn ein Wahrheitssucher zu ihm kam, dass er prüfte, ob der Schüler zu ihm passte und er zu dem Schüler passte. Wenn der Meister das Gefühl hatte, dass ein Schüler besser nicht bei ihm bliebe, und wenn er jemanden kannte, der diesem Schüler besser unter die Arme greifen konnte – selbst wenn das sein spiritueller Gegner war! –, dann riet er dem Schüler: „Wende dich an jenen Meister.“
Und wenn dann der Schüler sagte: „Aber soviel ich gehört habe, ist der doch gegen dich. Er nennt das, was du machst, Unfug!“, dann antwortete ihm der Meister: „Gib nichts darauf, was er sagt. Er passt zu dir. Seine Art passt zu dir. Geh zu ihm. Versuch dein Glück dort.“
Probiere verschiedene Techniken aus, aber tu’s jedes Mal mit ganzem Herzen. Andernfalls könntest du eine Technik verwerfen, die genau richtig für dich war. Leg dich also total ins Zeug. Wenn es zu etwas führt, wunderbar. Dann mach weiter damit, geh tiefer rein. Aber wenn du alles reingesteckt hast, was dein Verstand und deine gesamte Energie hergeben können, und trotzdem nichts passiert, dann pfeif auf die Technik; sie ist nicht für dich gedacht. Aber bevor du auf sie pfeifst, musst du sie erstmal ausprobiert haben, musst du dein Letztes gegeben haben: SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH NACH INNEN ZURÜCKZIEHST.
SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH KÜHN IN DIE WELT HINEIN WAGST.
Selbst wenn du mit einer Technik in deinem Innern experimentierst und zu einer Erfahrung gelangst, kann das trotzdem noch Täuschung sein. Es könnte nur eine projizierte Vorstellung sein, es könnte nur ein Traum, eine Illusion sein. Glaub nicht, du hättest jetzt schon den Weg gefunden. Jetzt ist es angesagt, alles, was du in dir gefunden hast, da draußen auf die Probe zu stellen. Jetzt musst du das, was du im Herzen erkannt hast, zu deinem Charakter schmieden. Jetzt lebe es auch! Du hast es erfahren – jetzt lebe es auch, lass es zu deinem Leben werden. Wenn du das Gefühl hast, dir sei durch diese Erfahrung Stille widerfahren, dann gewähre der Stille Raum, gestatte den Wellen dieser Stille, sich auch über deine Grenzen hinaus auszubreiten. Lass deine Stille auch zu den anderen vordringen. Lass auch andere spüren, dass du still geworden bist.
Wenn du jetzt weiterhin äußerlich wütend wirst und immer noch behauptest: „Ich bin ein großer Meditierer“, dann machst du dir nur selber was vor. Täusche weder dich noch andere, denn andernfalls wirst nur du der Verlierer sein, niemand sonst.
Was immer es ist, dass dir innerlich widerfahren sein mag – wenn du das Gefühl hast, das innere Licht erfahren zu haben … Woran ist zu erkennen, ob es sich da um eine Täuschung handelt oder um etwas Wirkliches? Der Prüfstein ist, ob dein äußeres Leben sich auch entsprechend wandeln wird.
Wenn du wirklich das innere Licht erfahren hast, wird der Sex verschwinden. Ja, es wird Liebe in dir sein, aber der Sex wird verschwinden, die Sexualität wird verschwinden. An deren Stelle wird die Liebe treten – ein sehr liebevolles Wesen. Es wird kein Verlangen nach Sex mehr da sein. Sollte das Verlangen nach Sex bleiben, hast du das innere Licht nicht erfahren. Dann war das innere Licht nur eine Projektion des Verstandes.
Und so weiter und so fort. Was immer du in dir erfahren hast, muss sich auch im Außen zeigen. Es muss seinen Weg in dein Leben finden dürfen. Denn das ist der wahre Test, der wirkliche Prüfstein. Wenn du zu einer tiefen Stille gefunden hast, wird der Hass weichen. Bleibt der Hass jedoch da und hat er sich nicht restlos in Liebe aufgelöst, dann hast du die Stille im Innern nicht empfunden. Mit Hass ist innere Stille unvereinbar. Du magst da etwas Künstliches empfunden haben, du magst eine gekünstelte Stille hergestellt haben …
Wenn du ständig ein Mantra hersagst, wirst du damit eine Stille erzeugen, die künstlich, unecht ist, aber nichts an deinem äußeren Lebenswandel ändert. Wenn sich dein Inneres ändert, muss sich auch dein Äußeres ändern. Aber umgekehrt gilt das nicht: Du kannst dein Äußeres ändern, aber darum muss sich nicht notwendig auch dein Inneres ändern. Genau das bedeutet Heuchelei. Du kannst dein Äußeres ändern – du kannst nach außen hin äußerst liebevoll sein, aber innerlich voller Hass sein. Du brauchst nur das Äußere zu verändern, nur eine verlogene Maske, eine Fassade herzustellen.
Das ist allenthalben zu beobachten. Vor allem in diesem Lande – wo man seit Menschengedenken die Religion gepredigt hat. Am Ende ist dabei nur eines herausgekommen: eine heuchlerische Gesellschaft. Nichts als Masken, nirgends echte Gesichter. Seht euch jedes beliebige Gesicht an, und ihr werdet finden, dass es unecht ist. Etwas anderes verbirgt sich dahinter, etwas völlig Entgegengesetztes.
Du kannst dein Äußeres ändern, aber darum braucht sich noch lange nicht dein Inneres zu ändern. Aber wenn sich dein Inneres ändert, muss sich zwangsläufig auch dein Äußeres ändern. Wenn sich das Innere ändert, ändert sich automatisch das Äußere mit. Ändert es sich nicht, dann ist deine innere Veränderung nur Selbsttäuschung.
Diese drei Sutren sind von großer Bedeutung:
MACH DEN WEG AUSFINDIG.
SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH NACH INNEN ZURÜCKZIEHST.
SUCHE DEN WEG, INDEM DU DICH KÜHN IN DIE WELT HINEIN WAGST.
The New Alchemy: To Turn You On
Kapitel 7