Wie können wir uns auf den Tod vorbereiten?
Wie können wir uns auf den Tod vorbereiten?
Sammle nichts an, egal was es sei: Macht, Geld, Ansehen, Tugend, Wissen, nicht einmal die so genannten spirituellen Erfahrungen. Sammle nichts an. Wenn du nichts ansammelst, bist du jederzeit bereit zu sterben – weil du nichts zu verlieren hast. Die Angst vor dem Tod beruht im Grunde gar nicht auf dem Tod; die Angst vor dem Tod beruht auf dem, was du in deinem Leben angesammelt hast. Dann hast du zu viel zu verlieren, folglich möchtest du dich daran festklammern. Das ist es, was Jesus gemeint hat mit seinem Ausspruch: „Selig sind die Armen im Geiste.“
Ich will damit nicht sagen: „Werde zum Bettler“, so wenig wie: „Entsage der Welt!“ Ich will damit sagen: „Sei in der Welt, aber sei nicht weltlich.” Sammle nichts innerlich an, sei arm im Geiste. Ergreife nie Besitz von etwas – dann bist du bereit zu sterben. Besitzgier ist das Problem, nicht das Leben an sich. Je mehr du besitzt, desto mehr Angst hast du davor zu verlieren. Wenn du gar nichts besitzt, wenn deine Reinheit, wenn dein Geist von nichts getrübt ist, wenn du einfach nur da bist, allein, kannst du jederzeit abtreten. Wann immer der Tod an deine Tür klopft, wird er dich bereit finden. Du verlierst nichts dadurch. Wenn du mit dem Tod mitgehst, bist du kein Verlierer. Wer weiß? Vielleicht ist dies ja der Beginn einer neuen Erfahrung …
Und wenn ich sage, sammle nichts an, meine ich dies als kategorischen Imperativ. Ich sage damit nicht, dass du statt weltlicher Dinge lieber Tugend, Wissen, so genannte spirituelle Erfahrungen anhäufen sollst, Visionen – nein. Ich meine es ganz kategorisch: Häufe nichts an! Es gibt Leute, vor allem im Osten, die predigen Entsagung. Sie sagen: „Häuft nichts in dieser Welt an, denn alldas wird euch genommen werden, wenn der Tod kommt.“ Diese Leute scheinen im Grunde sogar noch gieriger zu sein als die gewöhnlichen weltlichen Leute. Ihre Logik ist: „Häuft nichts an, was von dieser Welt ist, denn der Tod wird es euch wieder nehmen, häuft stattdessen Dinge an, die der Tod euch nicht nehmen kann – sammelt Tugend, punya; sammelt Charakter, Moral, Wissen; sammelt Erfahrungen, spirituelle Erfahrungen, Erfahrungen von kundalini, Meditation, diesem und jenem; sammelt Dinge, die euch der Tod nicht wieder wegnehmen kann.“
Aber sobald du anhäufst, geht mit dieser Anhäufung Angst einher. Jede Anhäufung bringt im gleichen Maße Angst mit sich… dann lebt man in Angst. Häufe nichts an, und die Angst löst sich auf. Ich lehre euch keine Entsagung im alten Sinne; mein Sannyas ist ein absolut neues Phänomen. Es lehrt euch in der Welt zu leben und doch nicht weltlich zu sein. Dann seid ihr immer bereit.
Ich habe von einem großen Sufi Mystiker gehört, er hieß Abraham Adam. Einst war er der Herrscher von Bokhara, dann ließ er alles hinter sich und wurde zu einem Sufi Bettler. Als er einmal zu Gast bei einem anderen Sufi Mystiker war, traute er seinen Ohren nicht, denn von früh bis spät beklagte sich sein Gastgeber über seine Armut.
Abraham Adam sagte zu ihm: „Wenn ich dich so über deine Armut schimpfen höre, kommt mir der Verdacht, dass du sie billig erworben hast.“ „Red nicht so dummes Zeug!“ schoss dieser zurück, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte, ohne zu wissen dass Abraham einmal ein Herrscher war. Er sagte: „Wie kannst du so dumm daher reden! Meinst du etwa, man könne Armut käuflich erwerben?“
Abraham erwiderte: „Wenn du mich fragst – ich habe sie mit meinem Reich erworben. Ich würde selbst hundert Welten für einen einzigen Augenblick Armut hergeben, denn mit jedem Tag nimmt ihr Wert für mich mehr und mehr zu. Was Wunder also, dass ich ihr danke, während du sie beklagst.“
Die Reinheit des Herzens ist die wahre Armut. Das Wort sufi kommt von dem arabischen Wort safa. Safa bedeutet Reinheit. Ein Sufi ist einer, der reinen Herzens ist.
Und was heißt Reinheit? Bitte versteht mich nicht falsch: Reinheit hat nichts mit Moral zu tun. Versteht darunter bitte nichts Moralisches. Reinheit hat nichts mit den Puritanern zu schaffen. Reinheit bedeutet lediglich: ein unverdorbener Geisteszustand, wo nur dein Bewusstsein herrscht und sonst nichts. Nichts anderes dringt im Grunde in dein Bewusstsein ein; aber wenn du nach Besitz gierst, verdirbt dich diese Gier. Gold kann nicht in dein Bewusstsein eindringen. Das ist ausgeschlossen. Wie kannst du Gold in dein Wesen mitnehmen? Ausgeschlossen. Geld kann nicht in dein Bewusstsein eindringen. Aber wenn du Besitz willst, wird dieses Besitzenwollen in dein Bewusstsein eindringen. Dann wirst du unrein. Wenn du überhaupt nichts besitzen möchtest, wirst du angstfrei. Dann wird selbst das Eingehen in den Tod zu einer wunderschönen Erfahrung.
Ein wahrhaft spiritueller Mensch macht gewaltige Erfahrungen, aber er hortet sie nie. Sobald sie vorbei sind, vergisst er sie. Weder erinnert er sich an sie, noch projiziert er sie auf die Zukunft. Nie fordert er ihre Wiederholung oder dass sie ihm noch einmal widerfahren mögen. Er betet nie um sie. Sobald sie geschehen sind, sind sie geschehen. Schluss, aus! Er ist fertig mit ihnen und lässt sie hinter sich. Er ist stets offen für Neues, er schleppt nie Altes mit.
Und wenn du das Alte nicht mitschleppst, wirst du das Leben absolut neu finden – unglaublich, unfassbar neu auf Schritt und Tritt. Das Leben ist neu, nur der Verstand ist alt; und wenn du durch die Brille des Verstandes schaust, kommt dir das Leben ebenfalls nur wie eine Wiederholung vor, wie etwas Abgedroschenes. Wenn du die Brille des Verstandes abnimmst … Verstand heißt: deine Vergangenheit, Verstand heißt: alle angesammelten Erfahrungen, Kenntnisse und dergleichen. Verstand heißt: alles, was du durchgemacht hast, aber woran du dich nach wie vor klammerst. Der Verstand ist ein Klammeräffchen; er ist der Staub der Vergangenheit, der sich auf den reinen Spiegel deines Bewusstseins gelegt hat. Freilich verzerrt sich dann alles, wenn du durch diese Brille schaust. Verstand ist die Fähigkeit zu verzerren. Wenn du nicht mehr durch die Brille des Verstandes schaust, wirst du wissen, dass das Leben ewig ist. Nur der Verstand stirbt – ohne den Verstand bist du todlos. Bis auf den Verstand ist noch nie etwas gestorben; das Leben geht immerzu weiter und weiter, für immer und ewig. Es hat weder Anfang noch Ende.
Wenn du hortest, gibt es auch einen Anfang und gibt es ein Ende.
Wie du dich auf den Tod vorbereitest … ?
Wenn ich sage, ,Wie du dich auf den Tod vorbereitest’, meine ich nicht die Vorbereitung auf den Tod, der irgendwann kommen wird – der ist weit weg. Wenn du dich auf den vorbereitest, bist du schon wieder damit beschäftigt, dich auf die Zukunft vorzubereiten, und damit öffnest du dem Verstand wieder Tür und Tor. Nein, wenn ich sage, bereite dich auf den Tod vor, meine ich nicht den Tod, der irgendwann kommen wird; vielmehr meine ich den Tod, der dich jeden Augenblick heimsucht, mit jedem Ausatmen. Akzeptiere diesen Tod jeden Augenblick, und du wirst auf den schlussendlichen Tod vorbereitet sein, wenn er kommt.
Fang an, jeden Moment für Vergangenes gestorben zu sein. Mach dich jeden Augenblick von der Vergangenheit frei. Sei für alles gestorben, was du kennst, und werde offen für das Unbekannte. Wenn du jeden Augenblick zu sterben und wiedergeboren zu werden vermagst, dann vermagst du das Leben zu leben und vermagst du auch den Tod zu leben.
Und um nichts anderes geht es in der Spiritualität: den Tod intensiv zu leben, das Leben intensiv zu leben. Beides so leidenschaftlich zu leben, dass kein ungelebter Rest zurückbleibt – nicht einmal der Tod. Wenn du dein Leben und deinen Tod restlos lebst, dann transzendierst du, gehst du über beides hinaus. In dieser gewaltigen Leidenschaft und Intensität von Leben und Tod gehst du über die Dualität hinaus, gehst du über alle Dichotomie, allen Zwiespalt hinaus, gehst du ein in das Eine. Dieses Eine ist im Grunde die Wahrheit. Du kannst es Gott nennen, du kannst es Leben nennen, du kannst es Wahrheit nennen – oder Samadhi, Ekstase oder was immer du möchtest.
Aus: Art of Dying #2