Permamedi: Eine App begleitet Meditation und Forschung
Ausgerechnet das Smartphone soll beim Meditieren helfen? An der TU Wien beginnt im Oktober ein Experiment, das einen Widerspruch unserer Zeit ernst nimmt und daraus Forschung macht.
Man kennt das Bild: Jemand sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Kissen, sucht Stille, und neben ihm leuchtet das Display. Eine Benachrichtigung, ein Vibrieren, und die Ruhe ist weg. Und doch heißt das neueste Werkzeug für Meditation an der Technischen Universität Wien: eine App. Permamedi ist nicht als weitere Wellness-Anwendung mit Walgeräuschen und Streak-Zählern gedacht. Die Web-App will beides ernst nehmen: den Menschen, der heute ohnehin mit dem Gerät in der Hand lebt, und die alte Frage, was in einem Menschen eigentlich geschieht, wenn er meditiert, und zwar Tag für Tag.
Die Meditationserfahrung unmittelbar festhalten
Wer Meditation wissenschaftlich verstehen will, steht vor einem banalen, aber hartnäckigen Problem: Erinnerung ist unzuverlässig. Bisher führten Studierende in den Meditationskursen Protokolle, oft nachträglich, manchmal Wochen später. Wann genau wurde meditiert? Wie lange wirklich? Zu Hause oder im Hörsaal, allein oder in der Gruppe? Datumsangaben fehlten, Korrekturschleifen kosteten Lehrende Zeit, und die Daten blieben ungenau.
Permamedi dreht das um. Meditation und Dokumentation werden ein einziger Ablauf. Man wählt eine Meditation, startet den Timer, meditiert und beendet die Session. In diesem Moment, noch nah an der Erfahrung, kommen ein paar Fragen: Wie war es? Was war anders? Gab es Störungen? Aus der Schätzung im Nachhinein wird ein realer Zeitstempel, aus dem vagen Erinnern eine unmittelbare Wahrnehmung.

So sieht Permamedi aus: Kategorie wählen, Meditation wählen, kurze Fragen zur Erfahrung beantworten. Screenshot: Permamedi
Meditation im Studienalltag
Der Rahmen, in dem Permamedi eingesetzt wird, ist bemerkenswert. Seit 2023 bietet die TU Wien die Lehrveranstaltung Awareness und Meditation (AuM) an, an einer technischen Universität und für angehende Ingenieurinnen, Informatiker und Architektinnen. Geleitet wird der Kurs von Universitätslektor Dr. rer. nat. Markus Raab. Für das Wintersemester liegen mehr als 60 Anmeldungen vor, der Kurs ist ausgebucht.
Geübt werden besonders gern die Aktiven Meditationen von Osho, die Full-Meditation. Das sind keine stillen Sitzmeditationen im klassischen Sinn, sondern Methoden, die ausdrücklich für den modernen, unruhigen Menschen entwickelt wurden: Schütteln, Tanzen, Atmen, Summen, Lachen, Kauderwelsch, erst danach die Stille. Die Dynamische Meditation, Kundalini, Nataraj, Whirling, Gibberish, aber auch Vipassana und Zazen stehen im Katalog der App. Hinzu kommen zahlreiche Kurzformate, die sich zwischen Vorlesung und Labor einbauen lassen.
21 Tage Meditation wissenschaftlich begleiten
Wissenschaftlich konzipiert wird das Projekt von Dr. Dwariko M. Pfeifer. Sie ist Kooperationspartnerin der AuM und forscht seit 2010 zu den Aktiven Meditationen. Allein die Dynamische Meditation untersuchte sie mit 256 Teilnehmenden, die Kundalini Meditation mit 609 Personen. Die technische Entwicklung der App liegt wie die Kursleitung von AuM bei Dr. Markus Raab und seinem Team.
Im Wintersemester 2026 stehen drei 21-Tage-Prozesse im Zentrum: Kundalini mit Schütteln und Tanz, Nadabrahma mit Summen, Klang und langsamen Bewegungen und Devavani mit Stimme und Bewegung. Drei sehr verschiedene Wege, und die Frage, ob sie im Inneren auch verschieden wirken.
Ein validiertes Forschungsinstrument mit Fragen zum Erleben sammelt täglich Daten und zeigt am Ende, wie sich das Erleben verändert. Dazu kommen die automatisch erfassten Daten der App und weitere Protokolle. Wann meditieren Menschen tatsächlich? Wann brechen sie ab, und was bringt sie zurück? Hilft der Buddy wirklich?
Und hier zeigt sich, dass die App nur eine Hälfte des Ganzen ist. Die Tagebücher, an der TU wie üblich „Protokolle“ genannt, landen nicht anonym in einer Datenbank. Dwariko Pfeifer liest jedes einzelne und antwortet persönlich, jeder Studentin und jedem Studenten. Die Maschine sammelt die Zeitstempel, ein Mensch antwortet auf die Erfahrung. Vielleicht ist das die eigentliche Auflösung des Widerspruchs: Die Technik schafft Raum, damit die Begegnung wieder Platz hat.
Förderung durch die Sammasati Stiftung
Die Zahlen hinter dem Projekt sind erstaunlich bescheiden. Phase I wurde mit rund 6.500 Euro kalkuliert und ist nur durch viel ehrenamtlichen Einsatz, unter anderem aus dem Sannyasin-Umfeld, und durch die Förderung der Sammasati-Stiftung möglich geworden. Phase II, von Oktober 2026 bis Februar 2027, ist mit rund 8.600 Euro veranschlagt: mehr Meditationen, mehr Fragebögen, stabilere Technik und später Versionen für Android und iOS sowie ein Chat für Erinnerungen, Buddy-Austausch und Einladungen zum gemeinsamen Meditieren.
Allein die laufenden Infrastrukturkosten des Trägervereins Perma – Verein für nachhaltige Naturlebensräume liegen bei mindestens 1.300 Euro im Monat. Das ist mehr, als eine projektbezogene Förderung dauerhaft tragen kann. Deshalb sucht das Projekt weitere Förderer, Sponsoren und Mitglieder.
Permamedi ist der Versuch, Technik nicht gegen das Bewusstsein auszuspielen, sondern in seinen Dienst zu stellen, mit einem Menschen am anderen Ende, der zuhört. Ob das gelingt, wird sich zeigen, und zwar messbar, Tag für Tag.
Weiterführende Informationen und Kontakt
Dr. Dwariko M. Pfeifer
Website: www.dwarikopfeifer.de
Kontakt: Meditationsforschung@gmx.de