Lass dem Leben seinen Lauf, misch dich nicht ein.
Lass dem Leben seinen Lauf, misch dich nicht ein.
Bevor die Juden und Araber und andere Stämme ihren rassistischen und eifersüchtigen Gott im Westen einführten, betete die Menschheit zu Göttern wie Bacchus, Mithras und Apollo. Diana besaß Pfeil und Bogen, Thor wurde im Norden und die Muttergöttin im Westen verehrt. Und nun plötzlich wurden Tod und Wiederauferstehung zur Religion des Westens, wurden Schuld und Sühne gepredigt. Warum ist Adam ein Sünder? Warum ist er nicht wie Theseus oder Jason oder Hermes? Ist die Sündenidee nur eine List? Damit die Menschen anfangen zu meditieren?
Ich bin ein Heide. Für mich gibt es keinen Gott außer dieser Existenz. Gott ist im Leben enthalten, Gott steht nicht über dem Leben. Gott ist dies Leben selber. Dieses Leben vorbehaltlos leben heißt, ein göttliches Leben führen. Dieses Leben nur teilweise leben heißt, ein ungöttliches Leben führen. Nur Stückwerk sein heißt unreligiös sein. Heil und ganz sein heißt heilig sein.
Der Fragesteller spricht von der Vergangenheit. Früher waren die Menschen rund um die Erde Heiden – einfache Naturanbeter. Damals gab es noch keinen Sündenbegriff, gab es keinen Schuldbegriff. Man akzeptierte das Leben so, wie es ist. Nichts wurde beurteilt, nichts interpretiert – noch hatte die Ratio nicht ihre Nase reingesteckt.
Kaum steckt die Ratio ihre Nase rein, sind Verurteilungen die Folge. Sobald der Verstand auftritt, geht es los mit dem Unterteilen und Haarespalten – und der Mensch wird schizophren. Dann fangt ihr an, einen Teil eures Wesens zu verdammen: Ein Teil wird erhöht, ein anderer Teil wird erniedrigt und so geratet ihr aus dem Gleichgewicht.
Aber das war unvermeidlich, der Verstand konnte nicht ausbleiben. Das gehört zu eurem Wachstum dazu. So wie es jedem Kind ergeht, so musste es auch der gesamten Menschheit ergehen.
Wenn das Kind zur Welt kommt, ist es ein Heide. Jedes Neugeborene ist ein Heide. Es ist glücklich, so wie es ist. Es hat keine Ahnung von Richtig und Falsch, es hat keine Ideale. Es hat keine Wertmaßstäbe, es urteilt nicht. Ist es hungrig, bittet es um Nahrung; müde, schläft es einfach ein. Genau das, sagen die Zenmeister, ist als das Allerhöchste im Religiösen – dass du, wenn du hungrig bist, isst, und wenn du müde wirst, zu Bett gehst: Lass dem Leben seinen Lauf, misch dich nicht ein.
Jedes Kind ist ein geborener Heide, aber früher oder später wird es diese Schlichtheit verlieren. Das gehört dazu; dass muss so sein, das ist Teil unseres Wachstums, Reifeprozesses, Schicksals. Das Kind muss sie erst verlieren und dann wiederfinden. Wenn das Kind sie verliert, wird es zu einem gewöhnlichen Menschen, einem weltlichen Menschen. Wenn dieser sie dann wiederfindet, wird er religiös.
Die Unschuld des Kindes ist sehr billig; es bekommt sie gratis von Gott. Das Kind hat sie sich nicht verdient – also muss es sie wieder verlieren. Nur indem der Mensch sie verliert, wird er sich bewusst, was er da verloren hat. Von da an wird er danach suchen. Und erst wenn er sich auf die Suche nach ihr macht und sie sich verdient, sie sich erarbeitet, selber zu Unschuld wird, weiß er ihren ungeheuren Wert überhaupt zu schätzen.
Was heißt es denn, „ein Heiliger“ zu werden?
Dass er wieder zum Kind wird. Nichts anderes widerfährt einem Heiligen: Nun ist er wieder unschuldig geworden. Er hatte sich in die Welt des Verstandes, der Zerstückelung, des Egos verirrt: ein Wust von Idealen! Vor lauter Bewerten war er praktisch verrückt geworden. Und dann eines Tages war ihm das Ganze nur noch absurd, idiotisch vorgekommen und er hatte Schluss damit gemacht. Aber diese zweite Kindheit ist weit wertvoller als die erste Kindheit. Deine erste Kindheit hattest du umsonst bekommen. Nicht einmal gefragt hatte man dich, sie war ein reines Geschenk. Und Geschenke wissen wir nicht zu schätzen. Ihr schätzt nur Dinge, für die ihr euch anstrengen, so richtig ins Zeug legen musstet und wenn der Weg dahin ein sehr langer war.
Es gibt eine Sufi-Geschichte:
Ein Mann, ein Wahrheitssucher, kam einmal zu einem Sufimeister und fragte ihn: „Ich bin auf der Suche nach meinem Meister. Wie ich höre, Herr, seid Ihr ein weiser Mann. Könnt Ihr mir sagen, woran ich einen Meister erkennen kann? Wie kann ich das beurteilen? Falls ich auf meinen Meister stoße – wie kann ich wissen, ob das mein Meister ist? Ich bin ein blinder, ein unwissender Mann, ich habe keine Ahnung von diesen Dingen. Und ohne seinen Meister gefunden zu haben, so sagt man, könne niemand zu Gott finden. Also bin ich auf der Suche nach einem Meister. Hilf mir!“
Der Meister teilt ihm ein paar Dinge mit. Er sagt: „An folgenden Dingen wirst du ihn erkennen: Der Meister wird so-und-so beschaffen sein, sich so-und-so benehmen, und er wird unter dem-und-dem Baum sitzen. Und er wird so-und-so gekleidet sein, und seine Augen sind so-und-so.“
Daraufhin dankt der Mann dem Alten und zieht seiner Wege. Dreißig Jahre vergehen und der Mann hat alle Welt durchwandert, aber denjenigen, der nach Beschreibung des Alten sein Meister war, hatte er nirgends gefunden. Müde und erschöpft und enttäuscht kehrte er in seine Heimat zurück – und trifft auf den Alten. Der ist inzwischen uralt geworden, aber kaum hat er ihn erblickt… Der Alte sitzt immer noch unter demselben Baum, und jetzt plötzlich erkennt er: „Das ist ja genau der Baum, von dem die Rede war! Und genau so ist die Kleidung! Und das sind genau die Augen … und genau diese Stille – alles so, wie der Alte es vorausgesagt hatte!“ Die Gnade, vor seinem Meister zu stehen, überwältigte ihn. Sein Herz jubelte.
Und trotzdem, da bohrt noch eine Frage … Er verneigt sich, berührt die Füße des Alten und sagt: „Eh ich mich dir hingebe – bitte sag mir noch eines: Wieso hast du mich dreißig lange Jahre auf die Folter gespannt? Warum hast du mir damals nicht gleich gesagt: ,Dein Meister bin ich’?“
Da lacht der Alte lauthals und sagt: „Hatte ich dir denn nicht gesagt: Er sitzt unter dem-und-dem Baum? – und das hier ist doch der Baum, unter dem ich damals saß! Und hatte ich dir nicht gesagt: Er wird so-und-so gekleidet sein – und ich trug damals genau dasselbe Gewand! Ich sah damals wie heute aus, aber du hattest keine Augen im Kopf. Du konntest mich einfach noch nicht erkennen – du brauchtest dieses dreißigjährige Herumreisen in alle Himmelsrichtungen, du brauchtest all diese Anstrengungen, damit du mich erkennen konntest. Ich war zwar da, aber du warst nicht da. Jetzt, wo du auch da bist, kannst du mich erkennen. Und wie habe ich auf dich warten müssen! Die Sache war ja nicht nur die, dass du so lange reisen musstest. Denk mal an mich: Ich bin uralt, aber ich durfte doch nicht sterben, bevor du zurück warst. Nicht einmal mein Gewand durfte ich wechseln, damit du mich ja nicht wieder verfehltest. Dreißig Jahre lang, stell dir vor, habe ich mich keinen einzigen Augenblick von diesem Baum entfernt! Aber nun bist du da. Es ist eine sehr lange Reise geworden – aber nur auf diesem Wege fallen einem die Schuppen von den Augen.“
Gott ist immer hier, nur wir sind nicht hier. Ein Kind muss vom Wege abkommen, es muss eine Pilgerreise von dreißig Jahren auf sich nehmen. Jedes Kind muss vom Weg abkommen, jedes Kind muss sich verirren. Nur dadurch, dass es sich verirrt, dass es leidet, kann es sein Augenlicht, seine Klarheit, kann es Durchblick gewinnen. Erst wenn es sich an tausenderlei Dingen die Hörner abgestoßen hat, kann es anfangen nach dem Wirklichen zu suchen.
Um das Unwirkliche führt kein Weg herum. Das Unwirkliche ist attraktiv, das Unwirkliche zieht uns an. Und wie willst du Wirkliches erkennen können, wenn du nicht weißt, wie Unwirkliches aussieht? Das Kind kennt das Wirkliche – aber es hat das Unwirkliche noch nicht kennengelernt, kann also das Wirkliche nicht definieren. Das Kind kennt zwar Gott – kennt aber die Welt noch nicht, kann also Gott nicht definieren. Jedes Kind kommt wie ein Heiliger auf die Welt, muss aber erst zum Sünder werden. Danach dann – die zweite Kindheit.
Wer nicht zu seiner zweiten Kindheit gelangt, der hat sein Leben verfehlt.
Lass also das Grübeln und lass dir keine grauen Haare wachsen, weil du’s verloren hast. Jeder muss es verlieren … man darf kein Problem draus machen. Problematisch wird es erst, wenn du immer so weiter machst und nie mehr nach Hause kommst. Hätte dieser Mann immer so weiter gemacht … wäre er dreißig Jahre, dreißig Leben, dreihundert Leben, dreitausend Leben lang immer und immer weiter gegangen und nie zurückgekommen, dann hätte er nie zu seiner zweiten Kindheit gefunden. Und dann wäre tatsächlich was schiefgelaufen.
Irr dich – Irren ist menschlich. Nur so lernt man. Komm ab vom Weg – nur wer vom Weg abkommt, findet den Heimweg. Schlag dir Gott aus dem Kopf – aufdass du dich eines Tages an ihn erinnern kannst. Lauf vor Gott davon, auf dass eines Tages dein Durst zur lodernden Flamme wird und du wieder zu Gott zurückkehren musst ... als ein Hungernder, als ein Dürstender.
Der Menschheit konnte das nicht erspart bleiben. Heutzutage rollt wieder eine Welle von Heidentum über die Menschheit hinweg – ihre zweite Kindheit. Das ist der Grund, warum Zen plötzlich eine so wichtige, so bedeutende Rolle spielt, warum „Tantra“ ein Wort von solcher Tragweite geworden ist. Heute ist der Sufismus, der Chassidismus wichtiger als das Christentum, der Islam, der Hinduismus, Buddhismus, Jainismus –– warum? Warum Tantra? Warum Tao? Warum Zen? Warum ein Sufi sein? Warum ein Chassidim? Weil dies die heidnischen Haltungen sind – sie zeugen die zweite Kindheit.
Die Welt schickt sich an … die Menschheit wird zusehends reifer. Wir befinden uns gerade im Jugendalter der Menschheit. Die Kindheit ist vorbei; wir haben sie verloren, wir sind verdorben worden. Aber lasst deswegen nicht den Kopf hängen – nur so kann man wieder zu seiner Unschuld zurückfinden. Und die zweite Kindheit ist weit wertvoller als die erste, denn die zweite kann man nicht mehr verlieren. Die erste muss man verlieren, die muss zwangsläufig verloren gehen; kein Kind, nicht einmal ein Buddha könnte sie sich erhalten. Kein Kind kann sie sich erhalten: So hat es die Natur eben eingerichtet. Wenn du etwas umsonst bekommst – und du hattest weder danach gesucht, noch hattest du auch nur darum gebeten, ja, du warst nicht einmal bereit es entgegen zu nehmen. Wenn man einem Kind einen Diamanten gibt, einen Diamanten so groß wie der Kohinoor, dann wird es ein Weilchen damit spielen und ihn dann wegwerfen. Es weiß nicht, was es ist. Der Kohinoor ist der Kohinoor, ob du das weißt oder nicht. Der Kohinoor IST der Kohinoor – ob man’s weiß, spielt keine Rolle. Aber das Kind wird ihn wegwerfen; über kurz oder lang wird es ihn satthaben. So ein gewöhnlicher Stein – wie lange kann man damit spielen? Er mag noch so sehr funkeln, noch so sehr glänzen. Aber wie lange? Wenn du den Kohinoor wieder in dein Leben zurückholen willst, brauchst du den Durst danach, wirst du erst ein großes Loch spüren müssen – dass da etwas in deinem Dasein fehlt. Das setzt ein großes Verlangen voraus. Jedes andere Verlangen muss ihm untergeordnet sein: Jetzt ist nur noch Gott dein dringlichstes Verlangen, dein höchstes Verlangen … Gott ist immer da.
Das ergeht Kindern so, das ergeht Gesellschaften so, das ergeht Zivilisationen so, das ergeht selbst der ganzen Menschheit so. Mach dir also keine Gedanken über das Christentum – das musste so sein. Das Christentum und alle Religionen vom gleichen Schlage – das sind die Religionen zwischen den beiden Kindheiten, der ersten und der zweiten. Die verdammen; die brüllen, ihr wärt vom rechten Wege abgekommen: „Kehrt um!“ Sie zerren euch zurück, sie jagen euch Angst ein. Die werfen große Köder nach euch aus: Wer zurückkommt, der gewinnt dicke Preise, Belohnungen – im Himmel droben! Und wer nicht umkehrt, der muss in der Hölle schmoren. Den erwartet das Feuer der Hölle. Der wird die ganze Ewigkeit lang in der Hölle bleiben und leiden.
Nichts als Panikmache – die Leute sollen vor lauter Angst umkehren. Aber wenn ihr aus Angst umkehrt, ist es überhaupt keine Umkehr. Denn aus Angst kann niemals Liebe werden. Angst kann nicht zu Liebe umgegossen werden, kann nicht in Liebe verkehrt werden. Angst bleibt Angst, und Angst gebiert Hass.
Das ist der Grund, warum das Christentum einen solchen Hass auf Religion verursacht hat. Friedrich Nietzsche ist ein Produkt des Christentums; wenn Friedrich Nietzsche sagt. „Gott ist tot!“, ist das nur eine Reaktion auf das Christentum. Denn es betont Gott, Himmel und Hölle allzu sehr – irgendwer muss das mal sagen! Ich stehe ganz und gar auf Nietzsches Seite – irgendwer muss mal sagen: „Jetzt reicht’s! Schluss mit all diesem Quatsch: Gott ist tot, und der Mensch ist frei.“ Denn der Mensch fühlt er sich als Sklave, wenn man ihm Angst macht.
Und Gier? Gier versklavt ihn ebenfalls. Seht’s euch einfach nur an: „Der Himmel“, „das Paradies – firdaus“ – worum geht es denn da? Um nichts als Gier, nichts als Wollust. Im firdaus, dem Paradies des Mohammedaners, tun die Heiligen offenbar von früh bis spät nichts anderes als zu kopulieren. Schöne Frauen stehen bereit, und der Wein fließt in Strömen, und die gebratenen Tauben fliegen einem in den Mund. Und diese schönen Frauen bleiben immer sechzehn Jahre alt; sie altern nie! Und noch etwas Leckeres haben sie an sich: Sie werden wieder jungfräulich! Wann immer sich ein Heiliger mit einer Frau vergnügt – denn nur Heilige haben Zutritt! – wird sie, kaum ist er fertig, sofort wieder Jungfrau. Im Paradies können Wunder geschehen! Und worauf lassen sich eure Heiligen dort ein? Offenbar eine Orgie, eine sexuelle Orgie. Plus Ströme von Wein… Und im Diesseits predigt ihr: „Rührt keinen Wein an, rührt keine Frau an!“ Wozu? Damit ihr dafür im Himmel bessere Frauen und jede Menge Wein bekommt? Irgendwo muss es da einen Denkfehler geben.
Aber auf die Art und Weise werden die Leute zur „Umkehr“ geködert, mit ihrer Gier. Oder mit ihrer Furcht: Wenn die Gier nicht fruchten will, dann eben Angst, dann Höllenfeuer – und zwar ewiges Höllenfeuer! Für die paar Sünden ewiges Höllenfeuer, das ist ungerecht. Okay, wenn du für zehn Jahre in der Hölle braten musst, ist das noch zu verstehen – meinetwegen auch fünfzehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber ewig? Hast du hier auf Erden vielleicht ewig gesündigt? Wieso hast du dann ewige Höllenstrafe verdient? Klingt übertrieben.
Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht nur darum, den Menschen Angst einzujagen. Viele Religionen bauen auf Angst und Gier. Und statt zu helfen, haben sie nur zerstört. Sie haben den Mutigen keine Anreize geboten, sie haben nur Feiglinge angezogen. Und wenn ein feiger Mensch religiös wird, verliert Religion ihre Glaubwürdigkeit. Denn ein Feigling kann gar nicht religiös werden. Nur ein couragierter Mensch kann religiös werden. Zu Religion gehört großer Mut. Es ist ein Sprung ins Unbekannte. Da sticht man in unbefahrene Meere, ohne Karten. Da bricht man alle Brücken zur Vergangenheit ab und hat nur noch seine Zukunft vor Augen. Da wagt man sich ins Ungewisse hinaus. Ein feiges Herz vermag das nicht. Und in euren Tempeln und in euren Moscheen, euren Kirchen sitzen nur Feiglinge beisammen. Sie alle zittern vor Angst. Und sie sind voller Gier – getragen von Gier, entzündet von Gier, verrückt vor Gier. Diese gierigen und feigen Menschen können nicht religiös sein. Religion erfordert, dass man alle Angst und alle Gier abtut und sich aufs Unbekannte einlässt. Gott ist das Unbekannte, das Verborgene schlechthin. Er ist hier verborgen – in den Bäumen, in den Felsen, in dir, in mir. Aber um sich auf diese verborgene, diese okkulte Wirklichkeit einlassen zu können, muss man enormen Mut haben – denn da gilt es, sich ohne Licht in dunkle Nacht hinaus zu wagen.
Ein Zenmeister verabschiedete einmal einen seiner Schüler – und es war stockfinstere Nacht. Und dem Schüler war etwas mulmig zumute, denn sein Weg führte mindestens zehn Meilen weit durch einen Urwald. Die reinste Wildnis! Dort gab es wilde Tiere und jetzt war Nacht – stockfinstere Nacht ohne Mondlicht. Und allmählich wurde es spät, es war fast schon Mitternacht. Über sein Gespräch mit dem Meister hatte er die Zeit aus dem Auge verloren.
Als der Meister die Angst seines Schülers sieht, sagt er: „Du wirkst etwas ängstlich. Hier hast du eine Lampe“, drückt ihm eine kleine Lampe in die Hand und zündet sie an. Der Schüler dankt ihm und geht schon die Stufen hinunter, als der Meister „Halt!“ ruft, ihm hinterher steigt und die Flamme wieder mit den Worten ausbläst: „Ein wahrer Meister lehrt Mut. Er unterstützt keine Feigheit. Wag dich ins Dunkel hinein, sei dir selbst ein Licht. Und merk dir: Das Licht eines anderen kann dir nicht weiterhelfen; du wirst dein eigenes Licht entdecken müssen. Sei du die Flamme deines eigenen Daseins. Geh ins Dunkel, fass dir ein Herz.“
Ein wahrer Meister, sagt er, unterstützt niemals Feigheit. Mit einer kleinen Geste, einfach indem er die Flamme ausbläst, vermittelt der Meister eine entscheidende Botschaft: „Religion ist nur etwas für Beherzte.“
Die Leute, die Jesus folgten, die waren beherzt. Es waren nicht viele, es war nur ein Häuflein – man hätte sie an den Fingern herzählen können. Auch die Leute, die Buddha folgten, waren beherzte Leute. Christen dagegen sind nicht beherzt, Buddhisten sind nicht beherzt. Alle, die bei mir sind, sind beherzte Leute. Wenn ich einmal nicht mehr bin, werden eure Kinder und Kindeskinder mir vielleicht noch Achtung zollen, aber sie selber werden nicht mehr beherzt sein. Religion existiert nur solange, wie ein lebender Meister sie euch vorlebt. Sobald der Meister nicht mehr da ist, stirbt die Religion ab. Dann scharen sich Feiglinge um eine tote Religion: Vor der braucht sich niemand zu fürchten! Sie beten die Heilige Schrift an, sie beten das Wort an, sie beten die Statue an – lauter tote Dinge.
Aber solange ein Jesus da ist, oder ein Buddha da ist, oder ein Mohammed da ist, zittern sie vor Angst, finden sie tausendundeinen Wege, um auszureißen, finden sie tausendundeine Rationalisierung für ihr Ausreißen. Sie verdammen den wahren Meister – warum? Ein wahrer Meister wird eure Feigheit nicht unterstützen. Er wird eure Gier nicht noch mehr anstacheln – sie ist so schon groß genug. Und er wird euch auch keine Angst einjagen. Sein ganzes Bestreben wird sein, euch eure Gier und eure Angst zu nehmen, so dass ihr in den Stand versetzt werdet, ein uneingeschränktes Leben zu führen.
Das Christentum und andere Religion gleichen Schlages waren unvermeidbar. Man muss es ihnen nachsehen; seid ihnen deshalb nicht böse. Aber jetzt hat auch ihr Stündlein geschlagen – heute kann die Welt nichts mehr mit ihnen anfangen. Sie torkeln schon, sie zerstreuen sich in alle Winde, sie liegen im Sterben. Genau besehen sind sie schon tot. Aber die Menschen sind so blind, dass sie sehr viel Zeit brauchen, bis sie begreifen, dass ihre Kirche oder ihr Tempel tot ist. Sie sind so unbewusst, dass es nicht gleich kapieren. Das Christentum ist tot, der Hinduismus tot, der Islam ist tot. Im Islam ist noch ein klein wenig Leben, brennt noch ein Flämmchen – ich meine den Sufismus.
Im Christentum leben hie und da noch ein paar Mystiker. Aber mal abgesehen davon sind die Kirche und der Papst und der Vatikan nur noch Friedhöfe, Grabstätten.
Im Hinduismus gibt es noch ein paar lebende Mystiker – ein Krishnamurti, irgendwo ein Ramana – aber die muss man mit der Lupe suchen. Aber abgesehen davon sind die Shankaracharyas tote Leute. Aber niemand geht zu einem lebenden Meister.
Im Buddhismus ist nur noch der Zen lebendig; im Judentum ist nur noch der Chassidismus lebendig: Die organisierte Religion ist nicht die wahre Religion. Die unorganisierte, die rebellische, die unorthodoxe, die ketzerische Religion ist die wahre Religion – so war es seit jeher. Wahre Religion tritt immer als Rebellion auf – ihr ganzer Geist atmet Auflehnung. Die Tage des Christentums, des Hinduismus, des Islam sind vorbei. In der Zukunft wird sich eine völlig andere Art von Religion, ein ganz anderes Klima auf Erden ausbreiten. Die Religionen werden vom Erdboden verschwinden; bleiben wird nur so etwas wie eine Religiosität. Jeder wird auf seine Weise zu seiner Religiosität finden, jeder wird sein eigenes Gebet, seine eigene Art zu beten entdecken. Es ist nicht nötig, irgendeine vorgekaute Ideologie nachzubeten – da geht’s nicht mehr lang. So sieht der Weg des Beherzten nicht aus. So sieht der Weg des Feiglings aus. Und die Tür zu Gott steht jederzeit offen – ihr braucht euch nur ein Herz zu fassen und ihm in die Augen zu schauen.
Du fragst mich: Und dann wurden Tod und Wiederauferstehung zur Religion des Westens. Das stimmt. Dem Christentum ging es noch nie um Christus; ihm ging es eher ums Kreuz. Statt Christus anzubeten hat es das Kreuz angebetet. Das Kreuz ist ein Symbol des Todes. Warum? Weil der Tod unsere Grundangst ist. Wenn man die Leute mit der Nase auf ihren Tod stößt, kriegen sie’s mit der Angst. Wenn man jemandem seinen Tod hautnah vor Augen führt, wird er aller Wahrscheinlichkeit zu zittern und beben beginnen. Und wenn ein Mensch erst einmal zittert und bebt, fällt er einem zum Opfer, hat man leichtes Spiel mit ihm, kann man ihn zum jedem beliebigen Quark bekehren, glaubt er bereitwillig alles. Man verspreche ihm bloß die Unsterblichkeit, dann schluckt er alles.
Also sagen die Anhänger des Christentums: „Alle, die zur Kirche gehören, werden Erlösung finden, und alle, die nicht zur Kirche gehören, für die können wir nicht garantieren. Die sind dem Untergang geweiht. Die sind nicht zu retten.“ Und genauso halten es auch alle anderen Religionen. Auf die Art wird die Angst geschürt. Man führe ihnen ihren Tod vor Augen und sie bekommen Angst. Wer zittert nicht vor dem Tod? Und ein zitternder Mensch ist wie Wachs in den Fingern und lässt sich ohne weiteres versklaven.
Und warum Wiederauferstehung? Tod und Wiederauferstehung wurden im Westen zu den Grundfesten des Christentums. Der Tod schürt eure Angst und die Verheißung der Wiederauferstehung schürt eure Gier. Wer im Schoße der Kirche stirbt, der wird wiederauferstehen: „Du wirst wiederauferstehen als ein göttliches Wesen und alles bekommen, was du dir je gewünscht hast, was immer dir gefehlt haben mag – als wunderschön, mit einem goldenen Körper! Umstrahlt von einer Aura: So wirst du wiederauferstehen!“
Das sind die Angst-und-Gier-Tricks, die Zuckerbrot-und-Peitsche-Tricks. Genau dasselbe macht etwa B.F. Skinner mit seinen Laborratten – jagt ihnen Angst ein, damit sie sich so-oder-so verhalten. Das ist es, was ihr im Zirkus begafft: Man braucht dem Elefanten nur Angst einzujagen – er ist ein so mutiges Tier und ein so weises Tier, aber wenn ihr ihn in Angst versetzt, fängt er an, lauter alberne Sachen für euch zu machen. Er wird sich auf einen Hocker setzen, er wird sich vor einem Mann verbeugen. Er könnte den Mann im Nu töten! Sogar Löwen zittern, wenn sie die Peitsche sehen. Macht ihnen nur Angst, das genügt. Selbst Löwen kann man zähmen, und Elefanten kann man dressieren und abrichten. Einfach nur mit Zuckerbrot und Peitsche – sobald der Elefant euch gehorcht, kriegt er einen Leckerbissen; wenn er nicht gehorcht, muss er hungern. Eine einfache Methode.
Genau das haben die so genannten Religionen mit der Menschheit gemacht. Man hat sie dazu gebracht, sich schuldig und sündig zu fühlen. Klar: Wenn ihr den Leuten Angst einjagen wollt – denn nur so sind sie ausbeutbar! – dann bringt ihnen bei, dass alles Sünde ist… dass alles was euch Spaß macht Sünde ist. Der Tod macht Angst, aber der Tod ist weit weg. Man stirbt erst in fünfzig oder sechzig Jahren – wen kümmert’s? „Mit siebzig? Wir werden sehen. Im Moment jedenfalls liegen wir noch nicht im Sterben.“ Vielleicht haben die Alten mehr Grund zu Angst; darum sieht man in den Kirchen und Tempeln meist alte Menschen. Alte Frauen, alte Männer – mehr Frauen als Männer, weil sie eher zu Angst neigen. Jetzt, wo sie alt sind, bald sterben, schon mit einem Bein im Grabe stehen, wissen sie, dass etwas passieren muss. Das Leben entweicht, rinnt ihnen durch die Finger; jetzt wird es Zeit, die Zukunft abzusichern!
Seht ihr etwa junge Leute in euren Kirchen? in euren Tempeln? Und merkt euch: Dort, wo ihr junge Menschen seht, da ist Religion lebendig. Wenn ein junger Mensch anfängt, sich für Religion zu interessieren, kann seine Religion nichts mit Angst und nichts mit Tod zu tun haben. Seine Religion muss mit Leben zu tun haben. Oft kommen Leute zu mir und fragen: „Warum kommen so viele junge Leute zu dir?“ Sie kommen deshalb, weil ich die Religion des Lebens, der Liebe, der Freude lehre. Ich mache ihnen keine Schuldgefühle und ich hämmere ihnen auch nicht fortwährend ein: „Dies ist Sünde, jenes ist Sünde!“ Fehler, die gibt es, aber es gibt keine Sünde. Fehler gibt es ganz gewiss; aber ein Fehler ist – ein Fehler. Wenn du Rechnen übst und zwei plus zwei fünf ergeben, ist das eine Sünde? Das ist nur ein Fehler; der lässt sich korrigieren. Nicht nötig, in der Hölle zu braten bis in alle Ewigkeit, nur weil du zwei und zwei zu fünf addiert hast. Es war einfach ein Irrtum, verzeihlich.
Und alles, was ihr so Sünde nennt, sind auch nur Fehler. Und nur durch Fehler lernt man. Leute, die nie einen Fehler begehen, sind die Allerdümmsten – weil sie nie weiterwachsen. Ich lehre euch: Macht so viele Fehler, wie ihr wollt und habt keine Angst. Merkt euch nur eines: Wiederholt nicht immer ein und denselben Fehler, denn das ist sinnlos. Seid erfinderisch, macht jeden Tag neue Fehler – dann lernt ihr dazu. Nur macht nicht tagein, tagaus denselben Fehler; denn das ist töricht.
Du hast ihn einmal gemacht, hast erkannt, dass es ein Fehler ist – z.B. bist du wütend geworden und hast gesehen, was Wut heißt – jetzt noch einmal wütend zu werden ist einfach dumm. Du hast gesehen: Wut ist einfach sinnlos, ist zerstörerisch – sie zerstört den anderen, sie zerstört dich. Und sie bringt überhaupt nichts. Da geht keine Blume in dir auf.
Wut macht dich ärmer, sie bereichert dich nicht. Sei liebevoll, sei freundlich – und plötzlich kommst du wieder in Fluss, wirst du größer und höher. Du fängst an zu schweben, wirfst Ballast ab. Lerne also daraus: Wenn du liebst, wenn du liebevoll bist, kannst du fliegen, wachsen dir Flügel. Wenn du hasst, wenn du wütend bist, sackst du ab wie ein Stein. Dann stehst du nur noch im Bann der Schwerkraft, wirst du massiv.
Könnt ihr das nicht sehen? Ganz einfach – wie zwei und zwei macht vier.
Das Leben ist ein Lernen, es ist eine Schule. Dazu wurden wir hergeschickt, zu diesem Sinn und Zweck – nicht zur Bestrafung. Ich möchte euch wirklich diese ganze Vorstellung nehmen. In Indien hat man euch weisgemacht, dass ihr zur Strafe in die Welt geschickt wurdet – das ist grundverkehrt! Ihr werdet hergeschickt, um zu lernen.
Wieso sollte Gott ein solcher Folterknecht sein? Ist er ein Sadist oder was? Macht es ihm Spaß Menschen zu quälen? Und wenn ihr, wie diese Priester euch einreden, zur Strafe hergeschickt wurdet, wie seid ihr dann zum allerersten Mal hier gelandet? Irgendwann muss es ja euer erstes Leben gewesen sein – davor könnt ihr nichts verbrochen haben, denn wie könnt ihr sündigen, wenn es euch noch gar nicht gibt? Ihr könnt keine Sünden begangen haben – warum also seid ihr beim ersten Mal hergeschickt worden?
Sie wissen nicht die Antwort darauf. Weder wissen die Jainas noch die Hindus noch die Mohammedaner eine Antwort – es fällt ihnen einfach nichts dazu ein. Warum ist der Mensch hergeschickt worden? Mag ja sein, dass du diesmal hergeschickt wurdest, weil du in deinem vergangenen Leben Sünden begangen hast. Okay – aber was ist mit deinem ersten Leben? Und wenn dieses Leben, wie die Christen sagen, das erste ist, warum bist du dann hergeschickt worden? Nun, das parieren sie mit einer besonders absurden Vorstellung: „Weil Adam gesündigt hat!“ Aber was geht euch Adam an? Irgendwer, von dem ihr nicht einmal wisst, ob es ihn überhaupt je gegeben hat, hat gesündigt, und die gesamte Menschheit muss dafür leiden?! Dein Vater hat eine Sünde begangen, und du bist dafür ins Gefängnis gekommen. Und Adam ist noch nicht mal dein Vater, nicht mal der Vater deines Vaters, nicht mal der Vater des Vaters deines Vaters – er ist der erste Mensch überhaupt!
Und was er getan hat, sieht auch nicht aus wie eine Sünde. Eher wie einfacher Mut, wie Auflehnung. Jedes Kind braucht so viel Rückgrat. Gott hatte Adam verwarnt: „Iss nicht die Frucht dieses Baumes. Dies ist der Baum der Erkenntnis.“ Und Adam aß sie. Ich glaube, jeder der nur einen Funken von Seele besitzt, würde genauso handeln. Wäre Adam tot und dumpf gewesen, dann hätte er gehorcht. Er muss es als Herausforderung empfunden haben. Und genau das war überhaupt der Sinn der Sache. Denn sonst … Es gibt auf Erden Abermillionen von Bäumen. Überlegt nur mal: Wenn Gott ihn nicht auf diesen spezifischen Baum hingewiesen hätte, ist es vollkommen ausgeschlossen, dass Adam ihn je hätte finden können. Es ging nur um diesen einen Baum im ganzen Garten Eden, welcher grenzenlos ist. Nur was diesen einen Baum betraf, hatte Gott ausdrücklich gesagt: „Iss nicht davon! Wenn du die Frucht der Erkenntnis isst, wirst du vertrieben werden.“
So wie ich die Sache verstehe, wollte Gott ihm damit nur auf den Zahn fühlen. Er wollte prüfen, ob Adam lebendig oder tot war. Er wollte wissen, ob er im Stande war nicht zu gehorchen, nein zu sagen – Gott wollte wissen, ob Adam ein bloßer Jasager war. Und Adam zeigte, wes Geistes Kind er war: Er aß die Frucht. Er war bereit, in die Welt hinunter geworfen zu werden, aber er bewies Geist. Das ist doch keine Sünde, das ist einfach nur Mut.
Jedes Kind muss eines Tages seinem Vater den Gehorsam verweigern. Jedes Kind muss irgendwann seiner Mutter den Gehorsam verweigern. Tatsächlich ist der Tag, an dem du das tust, auch der Tag, an dem du anfängst, reif zu werden – niemals zuvor. Darum verweigern nur dumme Kinder nie den Gehorsam. Intelligente Kinder tun es mit Sicherheit; intelligente Kinder finden tausend Mittel und Wege, um ihren Eltern nicht zu gehorchen. Ihr braucht euch nur umzusehen: Ihr werdet überall bestätigt sehen, dass ein intelligentes Kind nicht gehorcht. Denn es muss seine eigene Seele entwickeln – wenn es immer nur euch gehorcht, euch gehorcht, euch gehorcht, wann soll das dann geschehen? Es wird dumpf und lahm bleiben. Es wird keine eigene Seele besitzen, es wird keine eigene Individualität besitzen.
Nein – Adam hat keine Sünde begangen. Adam ist der erste Heilige! Er hat Gott den Gehorsam verweigert und Gott hatte es so gewollt. Genau das hatte Gott sich gewünscht – dass Adam ungehorsam sein möge. Mit seinem Ungehorsam gegen Gott geht Adam in die weite Welt hinein, verliert er seine erste Unschuld. Danach wird er noch unter vielen, vielen Fehler zu leiden haben, und aus diesen Fehlern wird er lernen.
Und eines Tages wird er wieder heimkehren – wird er als ein Christus, ein Buddha, ein Mahavira, ein Krishna wieder nach Hause kommen.
Dieses Weggehen ist ein Muss für die Heimkehr. Es ist in Wirklichkeit gar kein Verstoß gegen Gott, sondern ist genau das, was Gott wollte. Das hatte Gott alles genau so geplant. Nennt es also nicht „Sünde“.
Aber warum wird Adam dann „Sünder“ genannt? Er wird Sünder genannt, weil eure Religionen es nötig haben, euch Sünder zu nennen – um euch verdammen zu können. Je verdammter ihr seid, desto mehr küsst ihr ihnen die Füße. Je verdammter ihr seid, desto mehr kriecht ihr vor ihnen im Staube und fleht. Je verdammter ihr seid, desto ängstlicher werdet ihr. Je ängstlicher ihr werdet, desto mehr braucht ihr Fürsprecher.
Du hast keine Ahnung, wo Gott wohnt. Dein Priester weiß es, dein Papst weiß es. Er hat einen direkten Draht zu Gott. Nur wenn er sich für dich einsetzt, kannst du erlöst werden – andernfalls ersäufst du in Sünde. Nur wenn er ein gutes Wort für dich einlegt bei Gott, kannst du erlöst werden.
Darin besteht die ganze List, die List des Priesters. Der Priester ist mitnichten der religiöse Mensch, der Priester ist der Geschäftsmann. Im Namen von Religion macht er Geschäfte, beutet er aus.
Der hässlichste Beruf auf der Welt ist nicht der der Prostituierten; der hässlichste Beruf ist der der Priester.
Warum ist Adam ein Sünder? Warum ist er nicht wie Theseus oder Jason oder Hermes? Ist die Sündenidee nur eine List? Damit die Menschen anfangen zu meditieren?
Ja, er ist eine List – aber nicht, damit die Menschen endlich meditieren. Er ist eine List, damit man sie versklaven kann. Meditation steht auf einem völlig anderen Blatt! Meditation entstammt niemals der Angst, Meditation entstammt immer nur der Einsicht. Meditation kommt aus Liebe, aus Mitgefühl. Meditation kommt daher, dass du dein Leben in all seinen Wetterlagen, all seinen Jahreszeiten durchlebst. Dass du tief in jeden Umstand deines Lebens hineinschaust, ihn verstehst – und ihn verwirfst, wenn er sich als sinnlos erweist, und dich zu ihm bekennst, wenn er Sinn macht. Kurz, indem du nach und nach alles Wesentliche einsammelst und alles Unwesentliche ausscheidest.
Es gibt beides. Die Spreu und der Weizen – es gibt sie alle beide. Die Rosen und das Unkraut – es gibt alle beide. Und man muss unterscheiden lernen zwischen der Spreu und dem Weizen: Die Spreu muss man wegwerfen und den Weizen muss man einsammeln.
So viel Intelligenz ist erforderlich, andernfalls kannst du kein religiöser Mensch werden. Ängste, wie gesagt, bescheren euch keine Einsicht. Im Gegenteil, sie umnebeln nur euren Geist erst recht, sie machen euch nur noch verworrener in Bezug auf das Leben. Sie gestatten euch nicht, euch vorbehaltlos aufs Leben einzulassen und es zu erfahren. Sie verhindern Erfahrung.
Meditation tritt ein, wenn du dein Leben lebst und den Lauf deines Lebens betrachtest. Nicht aber, weil Buddha gesagt hat, dass Wut schlecht ist – das bringt nichts. So wirst du nur zum Papagei oder Popen. Sondern wenn du deine eigene Wut unter die Lupe nimmst und auch dir diese Einsicht dämmert – nämlich, dass Wut sinnlos, ja giftig ist. Nicht, weil Krishna gesagt hat: „Überlass alles Gott, ergib dich Gott!“ Nein, zu Gott findest du nicht, indem du Krishna folgst, sondern indem du erkennst, wie dich dein Ego auf jede erdenkliche Weise auf Dornen bettet.
Wenn du das siehst, lässt du das Ego eines Tages einfach nur los und sagst: „Ab jetzt lebe ich in völligem Gottvertrauen. Was immer Gott durch mich bewerkstelligen will, das geschehe. Ich jedenfalls habe keine persönlichen Vorlieben mehr, ich habe keinen eigenen Willen mehr. Ich gebe meinen Willen auf.“
Wenn du das Unheil siehst, welches das Ego anrichtet, stellt sich die Hingabe ein. Wenn du das Elend siehst, zu welchem die Wut führt, stellt sich die Liebe ein. Wenn du das Unglück siehst, welches die Sexualität auslöst, stellt sich brahmacharya ein – die Keuschheit.
Aber da muss man selber durch – es gibt keine Abkürzungen. Und diese Dinge kann man sich nicht bei anderen ausborgen.