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Diskurse

Wie ein Phönix aus der Asche

Osho / 28. Juli 2021

Hingabe ist ein sehr paradoxer Zustand: auf der einen Seite verschwindest du, auf der anderen Seite kommst du zum ersten Mal zum Vorschein – in deiner unendlichen Herrlichkeit, in deinem vielschichtigen Glanz. Ja, der Tautropfen ist fort, und zwar auf ewig fort; es gibt keinen Weg, seiner wieder habhaft zu werden, ihn wiederzugewinnen. Der Tropfen ist als Tropfen gestorben, aber dafür ist der Tautropfen zum ganzen Meer geworden, ist ozeanisch geworden. Er existiert nach wie vor, nur nicht mehr als ein endliches Wesen, sondern als etwas Unendliches, Uferloses, Unbegrenztes.

Dies ist die Bedeutung der Phönix-Sage. Er stirbt, er verbrennt völlig, wird zu Asche, und dann plötzlich wird er aus seiner Asche wiedergeboren – feiert er Wiederauferstehung. Der Phönix steht für Christus: Kreuzigung und Wiederauferstehung. Der Phönix steht für Buddha: als Ego gestorben und eine Neugeburt als völlige Egolosigkeit. Er steht für alle die, die erkannt haben; erkannt haben heißt ein Phönix sein. Stirb als der, der du bist, auf dass du sein kannst, was du wirklich bist! Stirb mit all deiner Unehrlichkeit, deiner Vortäuschung falscher Tatsachen, deiner Abgespaltenheit von der Existenz.

Wir halten uns immerzu für abgespalten. Wir sind es nicht, nicht einmal einen einzigen Augenblick lang. Egal was ihr glaubt, ihr seid eins mit dem Ganzen. Aber euer Glaube kann euch Alpträume machen, muss euch zwangsläufig welche machen. Wer glaubt „Ich bin abgetrennt“, der weckt damit Alpträume.

Wenn du vom Ganzen abgeschnitten bist, wirst du nie deine Angst los. Denn das Ganze ist so riesengroß und du bist so klein, so winzig, ein so klitzekleines Atom und du musst unentwegt das Ganze bekämpfen, damit es dich nicht verschluckt. Du musst unentwegt hellwach, auf der Hut sein, damit der Ozean dich nicht einfach aufsaugt. Du musst dich hinter Mauern und Mauern und Mauern verkriechen. All diese Mühe ist nichts als Angst. Und dann bist du dir unentwegt bewusst, dass der Tod hinter dir her ist und der Tod dein Abgetrenntsein zunichte machen wird. Um nichts anderes geht es im Tod: Der Tod ist das Ganze, das sich den Teil wieder holt. Und es macht dir Angst, dass der Tod kommen wird und du sterben musst. Wie schaffst du es, lange zu leben? – eine Art Todlosigkeit zu erlangen? Dazu unternimmt der Mensch alles Mögliche. Zum Beispiel, indem er Kinder hat – daher der ständige Trieb, Kinder zu bekommen. Im Grunde hat dieses Verlangen Kinder zu bekommen überhaupt nichts mit Kindern zu tun, sondern hat etwas mit dem Tod zu tun.

Ihr wisst, dass ihr nicht ewig werdet hier sein können: Da könnt ihr euch noch so sehr auf den Kopf stellen, es wird euch nicht gelingen. Das wisst ihr, weil es Millionen nicht gelungen ist und es niemandem je gelungen ist. Ihr hofft wider alle Hoffnung. Also versucht man es auf anderen Wegen. Einer der einfachsten Wege, der älteste Weg ist der, Kinder zu bekommen: Ihr werdet dann zwar nicht mehr hier sein, aber etwas von euch, ein Stück von euch, eine Zelle von euch, wird weiterleben. Das ist eine stellvertretende Möglichkeit, unsterblich zu werden.

Heute entdeckt die Wissenschaft weit raffiniertere Mittel und Wege … Denn euer Kind mag euch ein kleines bisschen ähneln oder euch überhaupt nicht ähneln, und auch sonst nicht ganz so sein wie ihr. Es ist nicht zwingend notwendig, dass es euch wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Jetzt hat die Wissenschaft Möglichkeiten entdeckt, euch zu verdoppeln. Man kann ein paar eurer Zellen aufbewahren, und wenn ihr sterbt, kann aus diesen Zellen ein Klon hergestellt werden. Und der Klon wird euch ganz genau gleichen; nicht einmal Zwillinge gleichen sich so. Wenn du deinem Klon begegnest, wirst du überrascht sein: Er wird haargenau so wie du sein, absolut so wie du!

(…)

Die Menschen haben es auch schon auf andere Art und Weise versucht, weit raffinierter als diese. Schreibe Bücher, male Bilder, komponiere große Symphonien: Du wirst zwar nicht mehr sein, aber deine Signatur wird erhalten bleiben durch das Buch; du wirst nicht mehr sein, aber die Skulptur, die du geschaffen hast, wird noch da sein. Sie wird die Menschen an dich erinnern, du wirst in ihrem Gedächtnis bleiben. Du wirst zwar nicht mehr auf Erden herumgehen können, aber du wirst in der Erinnerung anderer umgehen. Das ist besser als gar nichts. Werde berühmt, hinterlasse ein paar Spuren in den Geschichtsbüchern – es werden freilich nur Fußnoten sein, aber trotzdem: etwas ist besser als gar nichts.

Der Mensch hat seit Urzeiten immer wieder versucht, zu irgendeiner Art von Unsterblichkeit zu gelangen. Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass sie euch euer Leben lang verfolgt.

Sobald du aufhörst, dich für getrennt zu halten, hört die Todesangst auf. Daher nenne ich diesen Zustand der Ergebenheit den paradoxesten überhaupt: Du stirbst von dir aus und danach kannst du gar nicht mehr sterben, da das Ganze niemals stirbt, sondern immer nur seine Teile auswechselt. Aber wenn du eins mit dem Ganzen wirst, dann wirst du immer und ewig leben, lässt du Geburt und Tod hinter dir.

Darauf beruht die Suche nach dem Nirvana, der Erleuchtung, Moksha (Befreiung), dem Reich Gottes, dem Zustand der Todlosigkeit. Aber die Bedingung, die man dafür erfüllen muss, macht große Angst. Sie lautet: Erst musst du als eine abgetrennte Wesenheit sterben. Um nichts anderes geht es bei der Hingabe: als abgetrenntes Wesen zu sterben, als ein Ego zu sterben. Und tatsächlich gibt es da keinen Grund zur Sorge, da du gar nicht abgetrennt bist; das ist nur ein Glaube. Da stirbt also nur der Glaube, nicht du. Es ist nur Einbildung, eine Vorstellung.

Der Tod existiert nicht, der Tod ist unwirklich. Aber ihr erzeugt ihn, erzeugt ihn, indem ihr euch absondert. Sich ergeben heißt, die Vorstellung aufzugeben abgesondert zu sein – und automatisch verschwindet der Tod, ist die Angst nirgendwo mehr zu finden, und dein ganzes Lebensgefühl ändert sich. Dann ist jeder Augenblick nur noch eine kristallklare Reinheit – die reinste Entzückung, Freude, Glückseligkeit. Dann ist jeder Augenblick Ewigkeit. Und auf die Art zu leben ist Poesie, von Augenblick zu Augenblick ohne das Ego zu leben ist Poesie. Ohne das Ego zu leben ist eine Gnade, ist Musik; ohne das Ego zu leben heißt zu leben, wirklich zu leben. So ein Leben nenne ich poetisch: Das Leben dessen, der sich der Existenz ergeben hat.

Osho

Mit freundlicher Genehmigung der Osho Verlags GmbH

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