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Diskurse

Was heißt das denn: „Nach innen gehen“?

von Osho

Frage: „Wenn ich meditiere und versuche immer tiefer in mich hinein zu sehen, fühle ich oft, dass da niemand ist. Das ist „als würde ich in ein endloses schwarzes Loch fallen“. Und ich verkrampfe mich sofort und will nur noch wegrennen. Wenn es in mir gar kein Ich gibt, wen soll ich dann lieben? Bitte hilf mir, diese Liebe zu mir selbst und diese Totalität zu finden, wovon du so viele Male gesprochen hast.“

Antwort: Die Frage, die du gestellt hast, ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt, jedenfalls für alle, die meditieren. Bevor ich aber auf deine Frage eingehe, müssen ein paar Unterschiede klargestellt werden.
Wenn ich sage: „Geht nach innen“, heißt das nicht, dass ihr da jemanden finden werdet, der euch erwartet. Im Gegenteil: Je mehr ihr nach innen geht, desto weniger seid ihr noch ein Ego. Ihr seid zwar, aber das Ich-Gefühl verblasst langsam … ganz einfach deswegen, weil das Ich nur in Bezug auf ein Du existieren kann. Wenn das Du nicht anwesend ist, fängt das Ich an zu schmelzen.
Außen werdet ihr mit vielen Dus konfrontiert – die erhalten euer Ich am Leben. Aber innen gibt es kein Du; folglich kann es da auch kein Ich geben. Was aber nicht heißt, dass ihr nicht da wärt. Das heißt nur, dass ihr dann in eurer Reinheit da seid, nicht in Bezug auf irgendwen sonst: einfach nur du selbst, ohne jegliche Bezogenheit, in eurer absoluten Alleinheit. Da wir aber unser ganzes Leben als ein Ego zubringen, als ein Ich, verursacht dieses Verschwinden des Ich natürlich Angst und man möchte nichts wie weg. Das ist, obwohl es natürlich ist, nicht in Ordnung. 
Du musst durch diese Angst, Dunkelheit, Panik, Verkrampfung hindurch, denn das ist der Todeskampf deines Ich. Bisher hast du dich mit deinem Ich identifiziert, folglich hast du den Eindruck selber zu sterben. Aber du brauchst dir nur eines klar zu machen: Du beobachtest die Angst, beobachtest die Auflösung deines Ich, beobachtest deine Verkrampfung, beobachtest das schwarze Loch, die Dunkelheit, beobachtest ein Gefühl von Niemandsein. Dieser Beobachter, das bist du. 

Nach innen gehen heißt, ihn finden: den Zeugen in seiner absoluten Reinheit, unberührt von allem – nur noch ein reiner Spiegel, der nichts mehr spiegelt. Wären Spiegel Denker – zum Glück sind sie keine! – und wären sie mit jemandem groß geworden, der ständig in sie hinein schaut, hätte ihnen das eine Vorstellung davon gegeben, wer sie sind. Und aus all den Jahren, in denen sie immerzu diesen Einen gespiegelt hätten, wäre ihnen ein bestimmtes Selbstbild erwachsen – dass sie die Gespiegelten wären. 
Stell dir nur mal vor, dass eines Tages dann niemand mehr vor dem Spiegel steht. Der Spiegel bekäme Angst. Der Spiegel hätte das Gefühl, in einen tiefen Abgrund zu fallen, dunkel, düster, hinein ins Nicht-Existieren – „Wer bin ich?!“ Er verlöre einfach seine Identität, nur weil niemand mehr in den Spiegel schaut. Der Spiegel ist derselbe geblieben, ja mehr noch: Er wäre rein. Aber diese Reinheit ist für ihn vollkommen neu, niemand hat ihn je auf diese Reinheit vorbereitet. 
Meditation führt dich zu deiner Reinheit hin. Deine Reinheit ist Zeugesein, Beobachten, Achtsamkeit. Deine Frage lautet nicht: „Wer beobachtet da?“, sondern vielmehr: „Jch finde da niemanden?“ Wer findet das? – Das bist du! Du wirst das Nichts finden, du wirst nichts mehr in dir gespiegelt finden; du wirst Leere finden. Du musst deine Blickrichtung ändern: vom Objekt zu deiner Subjektivität. Eines steht fest: Da ist ein Zeuge, und auf der Reise nach innen geht es nur darum, diesen Zeugen zu finden, nur darum, den reinen Spiegel deines Seins zu finden.
Du sagst: „Wenn ich meditiere und versuche immer tiefer in mich hinein zu sehen, fühle ich oft, dass da niemand ist.“ Aber dir ist absolut nicht bewusst, dass obwohl du niemanden finden kannst, du da bist! Glaubst du, dir selbst als irgendwem entgegen zu treten? Glaubst du, irgendwem zu begegnen, der sagen wird: „Hallo! Wie geht’s, wie steht’s?“  Dann würdest du wirklich ausflippen – „Mein Gott, ich bin nicht eine Person, ich bin zwei!“
Dieses Gefühl, dass da gar niemand ist, stimmt absolut. Du bist auf dem richtigen Wege. Bleib nur weiter hellwach dafür, dass du noch da bist und zuschaust. All diese Gegenstände – der Niemand, die Dunkelheit, die Angst, die Verkrampfung … Das ist „als würde ich in ein endloses schwarzes Loch fallen. Und ich verkrampfe mich sofort und will nur noch wegrennen.“
Achte auf all diese Dinge. Das sind alles nur alte Angewohnheiten von dir. Du bist noch nie in deine eigenen Tiefen getaucht; daher die Angst vor dem Unvertrauten, vor dem Unbekannten. Du bist seit eh und je im Kreis herum gelaufen, aber auf der Außenseite, und du hast den Weg vergessen, der zu deinem inneren Zuhause hinführt. Am Anfang wird er dir vorkommen wie ein endloses schwarzes Loch. Lass es zu. Das Schwarze hat seine eigene Schönheit. Das Schwarze ist tief, ist still – genieße es. Du brauchst nicht vor ihm wegzurennen.

„Wenn es in mir gar kein Ich gibt, wen soll ich dann lieben?“
Da gibt es garantiert kein Ich im Inneren – bei keinem. Aber da gibt es etwas anderes, viel Wichtigeres: Da gibt es etwas, das man nur dein „Ich bin“, dein „Seiendes“ nennen kann – einfach dein bloßes Dasein. 
Du nennst es „Ich“, denn in der Außenwelt musst du dich auf dich beziehen können.
Hast du schon mal kleine Babys beobachtet? Anfangs beziehen sie sich oft mit Hilfe ihres Namens: „Paul hat Hunger!“ Sie sind weit exakter. Aber in der Gesellschaft würde man sie für verrückt halten. „Paul hat Hunger? Warum sagst du nicht: Ich hab Hunger?“ Wer sich beim eigenen Namen nennt, erweckt den Eindruck, als spräche er von jemand anderem. Dein Name ist dazu da, von anderen gebraucht zu werden. Du kannst ihn nicht in Bezug auf dich selber benutzen. Da musst du „Ich, mir, mich“ sagen, aber nicht deinen Namen. 
… Es ist lediglich eine gesellschaftliche Absprache, dass man sich auf andere mit ihrem Namen bezieht und auf sich selber mit Ich, mir, mich. Aber in dir drin gibt es keinen anderen und wenn der andere verschwunden ist, sind „Ich, mir, mich“ mit verschwunden.
Aber das ist kein Grund zur Sorge. Du magst zwar dein Ich nicht mehr finden, dafür aber findest du etwas Größeres: Du wirst dein wahres Wesen finden, deine Existenz, dein Sein.

Aus: The Golden Future, #8
 

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