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Diskurse

Über die Rolle der Therapeut*innen

von Osho

In meiner Rolle als Therapeut scheine ich einigen anderen helfen zu können; dann bin ich in einer Haltung liebevoller Unbeteiligtheit und Zentriertheit. Aber gleichzeitig ist mir klar, dass ich meine eigenen blinden Flecken der Unbewusstheit nicht zu sehen vermag. Was ist da los?

 

Osho's Antwort:

Es ist gut, wenn du erkennst, dass du deine eigenen unbewussten blinden Flecken nicht sehen kannst – obwohl du die Rolle des Therapeuten spielst und damit anderen helfen kannst, ihre Probleme zu lösen. Es ist gut, sich darüber im Klaren zu sein, denn in diese Falle gehen viele Therapeuten, Psychologen, Psycho­analytiker und Psychiater – weil ihre Expertise sie in die Lage versetzt, anderen zu helfen. Sie vergessen vollkommen, dass ihre eigenen Probleme nach wie vor ungelöst bleiben. Ja, sie sind so sehr damit beschäftigt, die Probleme anderer zu lösen, dass sie vergessen haben, selber ebenfalls ungelöste Probleme zu haben.
Vielleicht ist dies ja in Wirklichkeit der tiefere psychologische Grund, warum Leute zu Therapeuten, Psychoanalytikern und Psychiatern werden – um ihre eigenen Probleme zu meiden. Denn wenn du nur noch damit beschäftigt bist, anderer Leute Probleme zu lösen, hast du weder genug Zeit noch Luft, um über deine eigenen Probleme, über dich selber nachzudenken. Das ist ein gelegener Vorwand, um dich vor deiner eigenen Wirklichkeit, deiner Blindheit, deiner Dunkelheit zu drücken. Genau deswegen sage ich, dass dies eine gute Erkenntnis deinerseits ist – wenn du um deine eigenen blinden, unbewussten Flecken Bescheid weißt.
Hilf anderen, aber vergiss dich darüber selber nicht.
Denke daran, dass es wichtiger, grundlegender ist, deine eigenen Probleme zu lösen, ja dass du, solange du noch nicht deine eigenen Probleme gelöst hast, anderen eigentlich nur auf eine sehr oberflächliche Art und Weise zu helfen vermagst. Du bist zwar belesen, kennst dich aus, verfügst über Expertise, aber das alles geht nicht sehr tief.
Was dir dabei fehlt, ist die Autorität der eigenen Erfahrung; somit kannst du dem anderen in seiner Persönlichkeit und seiner Komplexität gar nicht gerecht werden. Niemand, der anderen beruflich hilft – sei es psychologisch oder spirituell –, darf jemals vergessen, dass sein Rat nur authentisch ist, wenn er auf eigener Erfahrung beruht. Alles nur Angelernte mag zwar über ein paar Oberflächlichkeiten hinweghelfen, kann aber dem Leben anderer nicht zur Transformation gereichen.

Tausende von Psychologen der verschiedensten Richtungen arbeiten auf der Welt mit anderen, werden aber in ihrem eigenen Leben mit genau den Problemen nicht fertig, als deren Super­experten sie sich aufspielen. Solange es das Problem eines anderen ist, können sie Abstand halten; denn da sind sie nur Beobachter und nicht selber betroffen. Es fällt ihnen leicht, Ratschläge zu geben, doch ihren Ratschlägen fehlt jede Tiefe. Tiefe bekommt ein Ratschlag erst durch persönliche Erfahrung, nicht durch Wissen.
Der westlichen Psychologie und ihren Richtungen fehlt vor allem eines: Sie sind nicht meditativ. Sie haben nicht die entfernteste Ahnung von Meditation. Die Transformation eines Patienten, die eine Psychoanalyse trotz jahrelanger Arbeit nicht zustande bringt, ist durch Meditation binnen Wochen zu erreichen. Würde der Analytiker selbst meditieren, so hätte er das Problem aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Er hätte im Traum nicht daran gedacht, es zu analysieren; denn Analyse bringt nichts. Man kann ewig weiteranalysieren, und der gewitzte Verstand kommt immer mit neuen Problemen an.
Analyse ist wie ein Baumschnitt: Man schnippelt immerzu Blätter und Äste ab, aber ständig kommen neue Blätter und Äste nach. Ja, durch jedes einzelne Blatt, das du ihm abschneidest, fühlt sich der Baum herausgefordert, und für ein Blatt schiebt er drei Blätter nach. Auf diese Art ist dem Baum nicht beizukommen … Er ist ein Lebewesen: Du hast ihm geschadet, und das lässt er sich nicht gefallen.
Der Psychoanalytiker analysiert ein Problem – der Verstand verteidigt sich und setzt ihm, anstelle des einen, ein Dutzend Probleme vor. Der Verstand ist eine Problem-Produktionsmaschine – vollautomatisch. Du brauchst die Maschine weder an- noch abzustellen, sie läuft unentwegt. Sie springt nur ein Mal an – ganz zu Anfang, wenn du geboren wirst; und sie stirbt nur ein Mal – wenn du tot bist. Ansonsten läuft sie unentwegt weiter, ohne einen einzigen Tropfen Öl zu brauchen. Sie ist ein Wunderwerk der Natur.
Wenn einer noch nie Meditation erfahren hat, kennt er nichts als den Verstand. Und der eine Verstand kann dem anderen Verstand nicht helfen. Er mag informierter werden, er mag einen Moment lang ein paar Probleme verdrängen. Aber das Problem wird sich einen anderen Weg suchen. Du musst selber außerhalb des Verstandes stehen: Von der Warte aus kannst du die Probleme anderer erkennen.
Und im Grunde gibt es nicht viele Probleme; es gibt nur ein einziges Problem – und zwar das, im Verstand zu sein. Und es gibt nur eine einzige Lösung – und zwar die, den Verstand hinter sich zu lassen. Einen Ausweg aus dem Verstand zu finden, ist die einzige Antwort. Und wessen Verstand es ist, spielt keine Rolle. Es mag der Verstand einer ungebildeten, unkultivierten, armen Person sein oder der Verstand einer hochgebildeten, sehr beschlagenen, wohlerzogenen Person. Die Lösung ist dieselbe: Beide müssen den Ver­stand hinter sich lassen.
Und du kannst ihnen nur helfen, indem du dir selber hilfst. Schreib dir den alchemistischen Spruch vom weisen Arzt hinter die Ohren: „Heiler, heile zunächst dich selbst!“ Das trifft zwar nicht auf den gewöhnlichen Arzt zu; denn wenn der gewöhnliche Arzt Kopf­schmerzen hat, kann er dir immer noch ein Rezept ausstellen und deine Kopfschmerzen heilen. Der gewöhnliche Arzt mag Tuberkulose haben und kann dennoch deine Tuberkulose heilen. Diese alte Weisheit gilt also nicht für gewöhnliche Ärzte, sondern gilt für die Alchemie, für den Arzt der Innenwelt. Dort kannst du, wenn du selber krank bist, niemandem helfen.  
Richtig, du kannst, indem du anderen hilfst, deine eigene Krankheit vergessen – es gibt keinen einfacheren Weg, sie zu vergessen. Du legst dich im Dienst am Nächsten so ins Zeug, ja der Nächstenliebe … nichts als Aus­flüchte hinter schönen Namen.
Du musst tiefer in Meditation gehen und du musst den Leuten, die in deine Therapiegruppen kommen, zur Meditation verhelfen. Leiste ihnen durch Expertise so viel Hilfe, wie du kannst, aber mach Meditation zum Grundstein.
Und während du eine Gruppe leitest … als Therapeutin weißt du viel mehr als die Leute, die daran teilnehmen, aber als Meditierende kannst du als Teilnehmerin, nicht als Therapeutin eine von ihnen sein. Das wird dich ihnen näherbringen. Das wird dir einen tieferen Einblick in dein Herz geben, und auch sie werden deutlicher, tiefer spüren, dass du ein Mensch bist ... dein Mitgefühl und deine Liebe.
Meditiere mit ihnen. Bestehe darauf, dass in jeder Therapiegruppe eine Stunde täglich der Meditation gewidmet wird. Während der restlichen Zeit übe deine Methoden, deine Technik aus – aber beginne mit Meditation und beende abends die Gruppe mit Meditation. Nach dem Meditieren sollten die Leute zu Bett gehen. Nach dem Meditieren sollten sie nichts weiter mehr machen, damit die ganze Nacht ein Flair von Meditation bekommt, eine meditative Schwingung, die ihr Innerstes durchzieht. Und wenn sie wieder aufwachen, werden sie anders aufwachen, als je zuvor: friedvoller, heiterer, gelassener, gesammelter.
Das Erste sollte also das Meditieren sein, und das Letzte sollte das Meditieren sein, und zwischendrin führst du deine Therapiegruppe durch. Wann immer ihr meditiert, solltest du eine von ihnen sein, ihr solltet einander bei den Händen halten, und du solltest mitten unter ihnen sein. In der Therapiegruppe nimmst du eine höhere Stellung ein – du hast das entsprechende Wissen, sie weniger. Sie sind um Hilfe zu dir gekommen und du hilfst ihnen – zweifellos bist du ihnen hierin überlegen.
Aber beim Meditieren ist niemand überlegen, niemand unterlegen. Beginne mit dieser wunderschönen Gleichberechtigung und ende deine Gruppe auch immer mit ihr. Und deine Therapiegruppe wird beides zugleich sein: eine meditative Therapie und eine therapeutische Meditation.

Hans sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Seine Frau Britta geht plötzlich auf ihn los, reißt ihm das Blatt aus der Hand und knallt ihm eine, dass die Wände wackeln. „Und wofür, wenn ich fragen darf?“, brüllt Hans.
„Dafür, dass du so ein lausiger Liebhaber bist“, sagt sie trocken. Nach einer Weile steht Hans auf, geht rüber zu Britta, die vor der Glotze sitzt, und gibt ihr eine dicke Ohrfeige zurück. „Und womit hab ich die verdient?“, begehrt seine Ehefrau auf. „Damit, dass du den Unterschied kennst!“, sagt Hans.

Der Groschen ist nicht sofort gefallen, er musste erst nachdenken: „Wenn ich ein lausiger Liebhaber bin, muss sie ja wohl einen Vergleich zur Hand haben.“ Es hat also ein Weilchen gedauert, aber es ist nicht zu spät.
Nicht nur du, sondern auch andere Therapeuten sollten sich das hinter die Ohren schreiben: Es ist einer meiner Grundsätze, eine Synthese herzustellen zwischen Therapie und Meditation. Denn das wird letztlich zur Synthese zwischen West und Ost führen. Das ist ein unerlässlicher Anfang. Denn der Westen setzt weiterhin auf den Verstand, dreht sich endlos innerhalb des Verstandes, und der Osten hat schon längst, schon vor Jahrhunderten Schritte unternommen, aus dem Verstand herauszukommen. Und das, wonach der Westen innerhalb des Verstandes sucht, das hat der Osten jenseits des Verstandes gefunden, ohne jede Schwierigkeit.
Eine Synthese ist angesagt. Die westlichen Therapieansätze können dabei helfen, Lebensprobleme, Beziehungsprobleme, Allerweltsprobleme, gewöhnliche Probleme zu lösen, aber sie können nicht eure fundamentale Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Sie haben keine Lösung für die Wahrheitssuche. Der Osten kann die Probleme lösen, die nicht von dieser Welt sind. Und wenn beide zusammen kommen, können wir dem Menschen in beiderlei Hinsicht helfen: Wir können ihm helfen, das weltliche Leben zu meistern – mit mehr Effizienz, mit mehr Kultur, mit mehr Liebe; und wir können ihm auch helfen sich auf sein Alleinsein einzulassen und diese Welt hinter sich zu bringen. Obwohl er sein weltliches Leben führt, kann er doch immer in Kontakt zum Ewigen bleiben.
Sobald einem Menschen beides gelingt, ist er ein gesunder Vogel mit beiden Flügeln, bereit, sich in den grenzenlosen Himmel zu schwingen – bis hinauf zu weit entfernten Sternen, seiner letztendlichen Bestimmung. Hierbei kann ihm Therapie eine Hilfe sein.

Als der neue Patient in der Nervenheilanstalt ankommt, verkündet er, dass er Ronald Reagan ist. Das war insofern eine heikle Sache, als es in der Anstalt bereits einen Ronald Reagan gab. Der Klinikchef beschloss, die beiden in ein und dasselbe Zimmer zu stecken; von der Ähnlichkeit ihrer Wahnvorstellungen versprach er sich nämlich für beide eine Heilungsmöglichkeit. Man stellte die Patienten einander vor und ließ sie allein. Im Zimmer war es die ganze Nacht mucksmäuschenstill.
Am Morgen darauf sprach der Arzt mit seinem neuen Patienten. „Herr Doktor“, begann der neue Patient, „ich habe leider unter einer Wahnvorstellung gelitten. Ich weiß jetzt, dass ich nicht Präsident Reagan bin.“
„Toll, toll, ganz toll!“, freut sich der Arzt.
„Ja“, fügt der Patient strahlend hinzu, „ich bin Nancy Reagan!“

Aus: The Rebel, # 27

 

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