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Diskurse

Die wahre Geburt

Der Tod des Ego ist die Geburt deiner Seele

Frage: Wenn diese Frage auftaucht – „Wer bin ich?“ – wird mir ganz Angst und Bange. Kannst du bitte etwas hierzu sagen?

Osho: Diese Frage macht allen Angst und Bange. Das ist nichts Außergewöhnliches, sondern absolut bei allen anderen genauso. Jeder, der tief in Meditation gehen möchte, auf die Suche danach, „Wer ich bin?“, kann nicht umhin, an einem gewissen Punkt Angst zu empfinden. Warum? Weil da ein Punkt kommt, wo man die Grenze des Ego überschreitet und man in die Welt der Egolosigkeit eintritt. Das ist der Panik-Punkt – denn es sieht aus wie der Tod. Und es ist auch tatsächlich eine Art Tod: Dein Ego verlöscht!

Und bis jetzt ist es immer deine Identität gewesen. Bis jetzt hast du dich immer dafür gehalten. Und plötzlich fängt es an zu verdampfen … Da ergreift das Herz eine große Angst: „Herrje, ich sterbe!“ Denn da stirbt jetzt deine Identität. In Wirklichkeit stirbst du gar nicht; im Gegenteil: Du wirst gerade geboren. Es ist eine Neugeburt, es ist eine wahre Geburt.

Es ist genauso, wie wenn ein Saatkorn in der Erde aufbricht. Das Saatkorn kann gar nicht anders, als sich ängstlich, nervös, zittrig zu fühlen. Wie kann das Saatkorn darauf vertrauen, dass sobald es fort ist, ein großer Baum und ein großes Aufblühen da sein wird? Das Saatkorn wird nicht mehr Zeuge davon werden können; keine Saatkorn ist jemals Zeuge davon geworden. Wie also könnte dieses Saatkorn dran glauben und vertrauen?

Und dem Ego ergeht es genauso: Das Ego kann nicht darauf vertrauen, dass danach etwas kommen wird, das mehr ist als es selbst. Und das Ego stirbt jetzt und das Ego tut seinen letzten Atemzug, folglich bekommst du Angst. Viele Leute kehren an diesem Punkt um und ziehen sich schleunigst zurück.

Das wird jedem widerfahren, der meditiert. Darum ist deine Frage durchaus sinnvoll, sehr sinnvoll. Jedem, der meditiert, wird diese Situation, diese Herausforderung begegnen. Unzählige gelangen an den Punkt, von wo aus sie in Gott hätten eingehen können, aber sie brachten es nicht über sich, sie brachten nicht den Mut auf. Sie bekamen Angst, einen Schreck, sie ergriffen die Flucht.

Du musst das Risiko wagen. Und ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: Es ist nicht der Tod. Richtig, es ist der Tod für dein Ego, aber der Tod des Ego ist die Geburt deiner Seele. Als Tropfen wirst du zwar sterben, aber du wirst als der Ozean geboren werden. Die Sache lohnt sich! Sterben wirst du nur als ein begrenztes Wesen, als ein klar definiertes Wesen, und geboren werden wirst du als etwas Unbegrenztes, Undefinierbares.

Ja, du wirst verschwinden, mit deiner ganzen Neurose, Psychose, mit all deinen Verspannungen, Ängsten, Qualen; du wirst verschwinden mit all deinen Problemen, Sorgen. Kurz: So, wie du dich bisher gekannt hast, wirst du verschwinden. Aber dein Verschwinden wird nur ein Kostümwechsel sein und du wirst deiner Wirklichkeit immer näher kommen, wirst immer tiefer in deine Wirklichkeit dringen. Du wirst mehr im Sein wurzeln. Nur darauf zielt die ganze Suche!

Du fragst mich: Wenn diese Frage auftaucht – „Wer bin ich?“ – wird mir ganz Angst und Bange.

Das ist natürlich. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass du der Grenze näher kommst. Du stehst vielleicht genau auf der Grenzlinie; darum bekommst du, wann immer die Frage aufkommt, sofort Angst. Fühl dich gesegnet, dass du der Grenze, nach der sich eine völlig neue Welt und ein völlig neues Leben auftun können, so nahe bist. Nur noch ein Schritt … und du wirst ein neuer Mensch sein und du wirst ein ursprünglicher Mensch sein. Nur noch ein Schritt, und all der Schrott, den die Gesellschaft dir übergestülpt hat, wird von dir abgefallen sein, und du wirst nurmehr reines Bewusstsein sein. Du wirst Flügel haben! Im Augenblick kriechst du auf der Erde herum … und dann wirst du in der Lage sein, dich in die Höhe zu schwingen, der Sonne entgegen.

Mit einem Meister sein heißt einfach Vertrauen erlernen, die Kunst zu riskieren erlernen, die Kunst erlernen, sich ins Unbekannte zu wagen. Ja, es sind nie befahrene Meere und es ist gefährlich die Küste hinter sich zu lassen; aber nur Leute, die die Küste hinter sich lassen, werden einen Geschmack von Unsterblichkeit erlangen. Nur Leute leben wahrhaft, die das Risiko wagen Gefahren zu begegnen. Alle anderen durchlaufen das Leben nur, ohne je wirklich zu leben. Die anderen vegetieren nur vor sich hin; die anderen machen nur immer leere Gesten.

Somit erlebst du gerade einen sehr entscheidenden Augenblick. Du kannst umkehren, du kannst dich an deine Identität klammern oder du kannst nach vorn gehen ohne dich auch nur umzudrehen. Habe Mut! Ich kann dir nur so viel sagen: dass ich dasselbe durchlebt habe – dieselbe Angst – sie ist menschlich. Ich konnte mich ebenfalls lange nicht entschließen. Diese Linie zu überschreiten ist wirklich schwer. Aber früher oder später gibt man sich einen Ruck – denn dieses ewige Hin und Her führt nicht weiter. Und wenn du schon mal dieser Linie so nahe gekommen bist, kannst du dich nicht mehr mit deinem gewöhnlichen Leben begnügen. Also kannst du umkehren – aber dann wirst du sehen, dass alles sinnlos geworden ist. Dann wirst du in der Klemme sitzen.

Und hierin besteht die Arbeit eines Meisters: Die Klemme herzustellen. Das Äußere wird sinnlos und das Innere wirkt bedrohlich. Wieder das gewöhnliche Leben aufzunehmen wird unmöglich und den Sprung in das Neue zu wagen erscheint ebenso unmöglich. Aber über kurz oder lang beschließt man den Sprung zu wagen – denn was für einen Sinn hat es, sich weiter an Dinge zu klammern, die sinnlos geworden sind, die jegliche Bedeutung verloren haben? Wie lange kannst du so etwas durchhalten?

Der Meister wartet, der Meister hat alle Geduld der Welt. Er gestattet dir hin und her zu rennen, er schaut dir ständig zu, wie du deine Lok rein und raus rangierst. Aber er weiß eines: dass mit jedem Tag das Äußere mehr und mehr seinen Reiz verliert. Eines Tages wird es absolut sinnlos, absurd werden, noch dort rumzulungern. Und je sinnloser das Äußere wird, desto magnetischer wird dich das Innere anziehen – diese Prozesse laufen Seite an Seite.

Und eines Tages wird es dann unwiderstehlich – man muss die Grenze überschreiten. Und jener Tag ist der größte Tag im Leben eines Menschen: wenn du deine alte Identität wegwirfst und ins Unbekannte eingehst – nun bist du Gott begegnet, bist du heimgekehrt.

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