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Diskurse

In der Welt zu sein und dennoch nicht Teil von ihr

Osho / 30. März 2021

Als Erstes muss man sich also merken: Wenn du dem Verstand entsagst und dein Leben lebst, bist du ein echter Sannyasin. Wenn du dem Leben entsagst und den Verstand lebst, bist du ein unechter Sannyasin, bist du ein Pseudosannyasin. Und merkt euch gut: Die Pseudoversion ist immer leichter; das Echte zu sein ist immer schwer. Mit einer Ehefrau zu leben und dabei glücklich zu sein ist wahrhaft heroisch; mit Kindern zu leben und selig zu sein ist echt schwer. In einem Laden, in einem Büro oder einer Fabrik zu arbeiten und ekstatisch zu sein ist eine wahre Kunst. Alles stehen und liegen zu lassen und sich unter einen Baum zu setzen und glücklich zu sein ist nicht schwer – jedem wird es so ergehen. Wer nichts zu tun hat, kann Abstand wahren; sobald du was tust, bindest du dich. Aber wenn du all das tust und dabei ungebunden bleibst, wenn du mit der Menge mitgehst, in der Welt und dennoch allein bist, dann passiert etwas Wahrhaftes. 

Keine Wut zu empfinden, wenn du allein lebst, darauf kommt es nicht an. Wenn du allein lebst, wirst du schon deshalb keine Wut kriegen. Denn zur Wut gehört eine Beziehung, gehört jemand, auf den du wütend wirst. Du wirst keine Wut kriegen, wenn du allein lebst – es sei denn, du bist wahnsinnig. Sie wird latent werden, weil sie keinen Grund hat sich zu zeigen. Wenn der andere
da ist und du trotzdem nicht wütend wirst, dann ist das was. Wenn du kein Geld, keine Sachen, kein Haus hast – wo liegt dann die Schwierigkeit, ungebunden zu bleiben? Aber wenn du alles hast und dennoch ungebunden bleibst – ein Bettler im Palast – dann ist dir etwas sehr Tiefes gelungen. 

Und vergiss nicht und bewahre es immer im Herzen: Wahrheit, Liebe, Leben, Meditation, Ekstase, Seligkeit – alles, was wahr und schön und gut ist, existiert immer nur als Paradoxon: in der Welt und doch nicht zu ihr gehörend; unter Menschen und dennoch allein; immer aktiv und dennoch untätig; in Bewegung und zugleich still; ein gewöhnliches Leben führend und dennoch nicht damit identifiziert; so arbeitsam wie jeder andere auch und dennoch tief drinnen Abstand haltend. Kurz: In der Welt zu sein und dennoch nicht Teil von ihr, das ist das Paradoxon. Und wenn dir diese Paradoxie gelingt, wird dir der größte Gipfel zuteil – die Gipfelerfahrung. Es ist ganz einfach, sich in eine schlichte Existenz zurückzuziehen, entweder in der Welt und eingebunden oder fern der Welt und losgebunden – beides ist einfach. Etwas Größeres wird es nur dadurch, dass es etwas Komplexes ist. Wenn du dich entbunden in den Himalaja zurückziehst, bist du nur eine Einzelnote in der Partitur; und wenn du in die Welt eingebunden lebst, bist du ebenfalls wieder nur eine Einzelnote der Partitur. Aber wenn du in der Welt und jenseits von ihr bist, und du deinen Himalaja im Herzen trägst, dann bist du die Gesamtharmonie, nicht nur eine Einzelnote: Dann erklingt ein Akkord, der alle Missklänge einbeschließt, die Gegensätze versöhnt, eine Brücke schlägt zwischen zwei Ufern. Und das Höchste ist nur möglich, wenn das Leben komplex ist; nur in Komplexität geschieht das Allerhöchste. Wenn du es dir einfach machen willst, kannst du eine der beiden Alternativen wählen – aber dann wird dir die Komplexität entgehen. Wenn du nicht in der Komplexität einfach sein kannst, wirst du sein wie ein Tier – oder wie die Leute im Himalaja, die ein Einsiedlerdasein führen: Die gehen nicht einkaufen, die arbeiten nicht in einer Fabrik, sind nicht verheiratet, haben keine Kinder … Mir sind viele Menschen untergekommen, die sich vom Leben abgekehrt haben. Ich habe unter ihnen gelebt, sie zutiefst beobachtet; sie werden wie Tiere. Ich kann nicht erkennen, dass etwas Erhabenes in ihnen vorginge. Vielmehr sind sie weit zurückgefallen.
Ihr Leben ist freilich weniger verspannt, denn ein Tier lebt nun mal nicht so verspannt. Sie haben keine Sorgen, weil sich kein Tier Sorgen macht. Ja, sie regredieren immerzu weiter, fallen weiter zurück, bis sie am Ende wie Gemüse werden – sie vegetieren dahin. Wenn du sie aufsuchst, wirst du sehen, dass sie
tatsächlich schlicht und einfach sind, jeder Komplexität entbehren – aber bringe sie in die Welt zurück und du wirst sie komplizierter finden als dich selbst, denn in solch einer Situation finden sie sich nicht mehr zurecht. Dann wird alles Unterdrückte hochkommen. Denn es war nur eine Art Unterdrückung. Nein: Regrediert nicht, geht nicht zurück – geht nach vorn! 

Ein Kind ist einfach; aber werde nicht zum Kind sondern werde reif. Natürlich wird sich, wenn du vollkommene Reife erlangt hast, eine zweite Kindheit einstellen, aber die ist von ihrer Qualität her etwas ganz anderes. Ein Weiser wird zwar wieder zum Kind, aber nicht kindisch sein. Ein Weiser hat wieder die Blume, den Duft, die Unschuld eines Kindes, doch da ist ein tiefer Unterschied: Ein Kind hat viel Unentwickeltes in sich, und wann immer sich eine Gelegenheit bietet, wird es zum Vorschein kommen. Der Sex wird kommen, der Ärger – es wird in die Welt ziehen, den Abstand verlieren und verloren gehen. Es trägt die Samen dazu in sich. Ein Weiser ist ohne diese Samenkörner, er kann nicht verloren gehen, da er nicht mehr ist. Er trägt nichts mehr in sich. Die Zenmeister haben seit jeher ein ganz gewöhnliches Leben geführt – sehr jenseitig zwar, aber in der Welt. Sie sind als Menschen wunderbarer als jeder Hindu-Sannyasin, wunderbarer als jeder katholische Mönch. Tatsächlich gibt es auf der ganzen Welt nichts mit Zen Vergleichbares. Denn nur dort gelang das höchstmögliche Paradoxon.

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