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Zen-Geschichten

Bist du fähig zu warten?

Ein junger Mann kam einst zu einem Zenmeister, um sich in Meditation unterweisen zu lassen. Der Zenmeister sagte: „Bist du fähig zu warten?“

Der junge Mann fragte natürlich: „Wie lange?“

Der Zenmeister sagte: „Das reicht schon, um dich abzuweisen. Wer ,Wie lange?‘ fragt, verrät damit, dass er nicht zu warten bereit ist. Nur wer einfach warten kann ohne ,Wie lange?‘ zu fragen, ist überhaupt fähig zu warten.“

Der junge Mann verstand und verneigte sich. Er durfte bleiben.

Ein Jahr verstrich, und kein einziges Wort wurde an den Schüler gerichtet. Und es wurden zwei Jahre … und dann drei Jahre … „Jetzt reicht es mir langsam. Es hat ja noch nicht einmal angefangen, keine einzige Unterrichtsstunde! Wie lange soll ich noch warten?!“ Da war sie wieder aufgetaucht, die alte Frage: „Wie lange?“ Er ging zum Meister und fragte: „Ich warte nun schon drei Jahre.“

Der Meister sagte: „Du hast also mitgezählt? Das beweist nur, dass du nicht zu warten verstehst. Zählen? Bei deinem Meister die Tage zählen? Im einen Sinne ist jeder Augenblick eine Ewigkeit. Im anderen Sinne ist die Ewigkeit nur ein Augenblick. Du bist unwürdig! Du wirst warten müssen. Du wirst lernen müssen zu warten. Halt die Augen auf – ab morgen beginnt dein Unterricht.“

Und es wurde ein seltsamer Unterricht. Der junge Mann hatte den Boden zu fegen; der Meister pirschte sich von hinten an und gab ihm mit seinem Stecken einen harten Schlag auf den Rücken. Schockiert sagte der junge Mann: „Ist das etwa der Anfang des Meditierens? Nach drei Jahren Wartezeit?“ Der Meister sagte: „Ja – von jetzt an sei wach. Ich werde dich jeden Augenblick, jederzeit schlagen – halt die Augen auf, sei wach, sei auf der Hut.“ Und so ging es Monate weiter. Sein ganzer Körper tat ihm nachts weh, denn tagsüber passierte es ständig, dass der Meister ihn plötzlich von irgendwo ansprang … er war zwar uralt, aber er war im Grunde eine Wildkatze.

Aber langsam, langsam machte sich in dem jungen Mann eine seltsame Bewusstheit breit. In dem Augenblick, wenn der Meister zum Schlag ausholte, duckte er sich weg – sogar von hinten! Obwohl er in seine Arbeit vertieft war, blieb eine unmerkliche Aufmerksamkeit da. Er hatte auch keine andere Wahl, er hatte enorm zu leiden. Ohne Schmerz kein Wachstum – Schmerzen sind absolut unerlässlich, wenn man wachsen möchte. Wenn du nicht leidest, kannst du nicht aufmerksam werden. Leiden führt zu Aufmerksamkeit, und wer freiwillig leidet, gewinnt eine enorme Bewusstheit. Willentlich litt er! Er hätte davonlaufen können, niemand hielt ihn zurück – es war seine freie Entscheidung. Er war es ja, der sich diesen Meister gewählt hatte.

Und jetzt begann er zu begreifen, warum dies sein Unterricht war. „Auf die Art lehrt er mich meditieren!“ Nunmehr dämmerte es in seinem Bewusstsein. Er war grenzenlos dankbar.

An dem Tag, da der Meister von hinten kam und der junge Mann, gerade bevor er zuschlagen wollte, aufsprang, sich duckte und der Stock des Meisters zu Boden fiel, war der junge Mann selig. Etwas Neues hatte in seinem Dasein eingesetzt. Und der Meister segnete ihn. Aber von diesem Tage an wurde alles nur noch schwieriger … der Meister begann ihn sogar im Schlaf zu schlagen. Nun, das war einfach zu viel! Mitten in der Nacht, wann immer es ihm beliebte?

Und der Meister war uralt, da fand er freilich nicht mehr viel Schlaf, sobald er also wach lag, stand er auf und schlug den jungen Mann. Aber inzwischen verstand der Junge: „Ich mag vielleicht nicht verstehen, was da vor sich geht, aber die Schläge des Meisters am Tage haben sich als ein so gewaltiger Segen erwiesen, haben mir eine solche Transformation beschert, dass ich das jetzt auch hinnehme – ohne zu fragen.“ Er protestierte nicht: „Das ist absurd, das ist lächerlich! Wenn du mich tagsüber schlägst, ist das okay, dann kann ich mich wenigstens schützen, weglaufen, fliehen, in Deckung gehen … aber was kann ich tun, wenn ich schlafe?“ Er sagte es nicht. Und der Meister sagte: „Dies ist ein gutes Zeichen. Zum ersten Male lernst du Vertrauen – du hast das Offensichtliche nicht gefragt!“ Und nach zwei, drei Monaten, während der er nachts geschlagen wurde, tat ihm der ganze Körper nur noch weh. Tagsüber konnte er sich jetzt schützen … aber eines Tages plötzlich war es auch nachts soweit! Der Meister betrat den Raum und er machte die Augen auf und sagte: „Warte, ich bin wach.“

Und so geschah es mehr und mehr. Es wurde unmöglich ihn zu treffen. Kaum betrat der Meister sein Zimmer, schlug er schon die Augen auf – so als hätte er überhaupt nicht geschlafen. Aber so war es nicht: Er schlief zutiefst, aber ein Teil seines Seins war befreit vom metaphysischen Schlaf, die Spitze des Eisbergs, nur ein winziger Bruchteil, aber er blieb hell wie eine brennende Kerze in seinem Innern – beobachtend, wartend. Der Meister war überglücklich. Am nächsten Morgen saß der Meister unter einem Baum und las irgendwelche Sutras, irgendeine alte Schrift. Plötzlich – der junge Mann war beschäftigt, den Garten zu fegen – meldete sich ein Gedanke in ihm: „Dieser Alte hat mich nun schon fast ein Jahr lang verprügelt, Tag ein, Tag aus – wie wär’s, wenn ich mal versuchte ihn zu schlagen? Wär doch mal interessant zu sehen, wie er reagiert.“ Woraufhin der Meister sein Buch zuschlug und sagte: „Dummkopf! Ich bin ein alter Mann! Schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf.“

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