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Diskurse

Auf dem Weg zur Erleuchtung

Osho / 26. Juni 2021

Frage: Du hast gesagt: Alle, die erleuchtet werden möchten, müssen sich zunächst disziplinieren und anstrengen. Ist das nicht egoistisch und wird das Ego dadurch nicht noch gestärkt? Ich bin immer sehr streng zu mir gewesen und habe damit so manche Freude im Leben versäumt. Bitte erkläre den Unterschied zwischen Disziplin und Kontrolle.

Osho: Da gibt es nicht nur einen Unterschied, sondern einen gewaltigen Unterschied: Disziplin und Kontrolle sind diametral entgegengesetzt.

Kontrolle kommt aus dem Ego, Disziplin kommt aus dem Nicht-Ego. Kontrolle heißt, dich selber zu manipulieren; Disziplin heißt, dich selber zu verstehen. Disziplin ist etwas Natürliches, Kontrolle ist unnatürlich. Disziplin ist spontan, Kontrolle ist eine Art Unterdrückung. Disziplin erfordert nur Einsicht – du verstehst und du handelst deinem Verständnis gemäß. Disziplin braucht keinem Ideal zu folgen, Disziplin braucht keinem Dogma zu folgen, Disziplin ist nicht perfektionistisch – Disziplin macht dich nach und nach heil und ganz.

Kontrolle ist perfektionistisch, sie muss ein Ideal erfüllen: Man stellt sich ein Ideal vor, wie man zu sein hat. Kontrolle ist voller Kommandos wie „Du-solltest“ und „Du-darfst-nicht“, Nicht so Disziplin: Disziplin ist ein natürliches Verstehen, ein Aufblühen.

Das Wort Disziplin selbst geht auf eine Wurzel zurück, die Lernen bedeutet; es stammt aus derselben Wurzel wie das Wort discipulus – einer, der lernen möchte. Und Disziplin ist genau jene Unvoreingenommenheit, ohne die man nichts lernen kann.

Disziplin hat nichts mit Kontrolle zu tun. Ein disziplinierter Geist denkt gar nicht daran zu kontrollieren – wozu auch? Ein disziplinierter Geist braucht keine Kontrolle, ein disziplinierter Geist ist absolut frei.

Ein undisziplinierter Geist braucht Kontrolle, weil ohne Kontrolle Gefahr droht. Ein undisziplinierter Geist hat kein Selbstvertrauen, daher die Kontrolle. Zum Beispiel könntest du irgendwen töten, wenn du dich nicht kontrollierst – aus Angst oder Wut könntest du zum Mörder werden. Ihr braucht Kontrolle, weil ihr Angst vor euch selber habt.

Ein verständiger Mensch, einer, der sich selber und andere kennt, hat stets Mitgefühl. Selbst für einen Feind hat der verständige Mensch Mitgefühl; denn ein verständiger Mensch kann sich in den anderen hineinversetzen. Er weiß, warum der andere so fühlt, wie er fühlt, er weiß, warum der andere wütend ist – denn er kennt sich selbst. Und sich selber kennen heißt, alle anderen kennen. Er hat Mitgefühl, er versteht, und er folgt seiner Einsicht. Missversteht mich nicht, wenn ich dies sage; an sich braucht er seiner Einsicht nämlich gar nicht zu folgen.

Schon allein das Wort „folgen“ beinhaltet die Vorstellung, etwas tun zu müssen: Man versteht, also muss man es befolgen, also gehorchen. Nein, so ist es nicht gemeint, sondern: Man versteht – und alles ergibt sich von selbst. Man braucht nicht zu gehorchen – es passiert einfach.

Zunächst musst du also den Unterschied zwischen Kontrolle und Disziplin verstehen. Kontrolle ist wie Falschgeld – von der Gesellschaft als Ersatz für Disziplin erfunden. Sie sieht genauso aus wie Disziplin: Alles Falschgeld muss wie echtes Geld aussehen, denn sonst könnte man es nicht in Umlauf bringen, könnte es nicht auf dem Markt zirkulieren. Was unser Innenleben betrifft, gibt es darin viel Falschgeld; Kontrolle zum Beispiel ist Falschgeld – statt Disziplin als echter Währung. Und Wissen ist das Falschgeld – statt Erkenntnis, der echten Währung.

Eine Sekte ist Falschgeld für Religion. Um euren Hunger nach Religiosität zu befriedigen, speist man euch mit vielen verlogenen Sekten ab: Christentum, Hinduismus, Dschainismus … alle Ismen sind Falschgeld. Religion kann kein Ismus sein – sie kennt kein Dogma. Sie ist etwas, das in euch aufblüht, nicht etwas, das euch von außen aufgezwungen wird. Seid stets auf der Hut vor all dem Falschgeld, das in Umlauf ist – und das schon so lange, dass die Leute die echte Währung fast vergessen haben. Religion ist weder christlich noch hinduistisch, noch moslemisch; Religion ist einfach nur Religion. Sie ist eine Haltung, in die ihr hineinwachsen müsst: Ihr könnt nicht in sie hineingeboren werden.

Niemand kann von Geburt aus religiös sein; dazu ist eine schöpferische Bemühung erforderlich; dazu ist Leid und Erfahrung, ist Wanderschaft und Heimkehr erforderlich, dazu muss man vom rechten Weg abgekommen sein und wieder zu ihm zurückgefunden haben. Durch viel Leid und Erfahrung kristallisiert sich in euch allmählich eine gewisse Lebensweise heraus. Diese kristallisierte Lebensweise ist religiös, und der Duft, der von diesem kristallisierten Leben ausgeht, ist Religion. Er ist undefinierbar.

Dasselbe gilt für Kontrolle und Disziplin. Hütet euch vor Kontrolle. Versucht niemals, euch selber zu kontrollieren. Wer kontrolliert denn dann wen? Wer versteht, braucht keine Kontrolle. Wer soll dich kontrollieren, wenn du nicht verstehst? Da liegt der Hund begraben.

Wenn du versteht, warum müsstest du dann kontrollieren? Du verstehst – also tust du, was recht ist. Nicht, dass du es tun musst … Du tust es einfach nur; denn wie könntest du etwas Verkehrtes tun? Wenn du hungrig bist, kommt dir nicht in den Sinn Steine zu essen – du weißt, dass Steine nicht essbar sind, basta! Man braucht dir nicht erst vorzuschreiben: „Iss keine Steine, wenn du Hunger hast!“ Das auch nur zu sagen, wäre dumm, wäre geradezu töricht. Wenn du durstig bist, trinkst du Wasser. Was gibt es da groß vorzuschreiben oder zu verbieten?

Das Leben ist einfach, wenn du verstehst. Es bedarf keiner Vorschriften oder Regeln, wozu denn? Denn die Regel aller Regeln ist, verstanden zu haben. Es gibt nur eine einzige goldene Regel, nämlich zu verstehen; alle anderen Regeln sind überflüssig und gehören auf den Müll. Wenn du verstanden hast, kannst du auf alle Kontrollen pfeifen, dann bist du frei … denn was immer du tust, beruht auf Einsicht.

Wenn ihr mich bittet zu definieren, was richtig ist, werde ich sagen: Das, was aus Einsicht geschieht. Richtig und Falsch sind keine objektiven Werte. So etwas wie richtiges oder ein falsches Tun existiert nicht. Es gibt nur ein Tun aufgrund von Einsicht und ein Tun mangels Einsicht. Also kann es vorkommen, dass ein bestimmtes Tun mal falsch und mal richtig ist, da die Situation immer eine andere ist und die Einsicht jeweils etwas anderes gebietet. Verstehen heißt: Lebt von Augenblick zu Augenblick und geht mit Fingerspitzengefühl auf das Leben ein.

Man braucht kein starres Dogma für sein Tun und Lassen. Man macht die Augen auf, man spürt hin, man erkennt die Lage, und aus diesem Gespür, dieser Wahrnehmung, diesem Wissen heraus ergibt sich, was zu tun ist.

Wer kontrolliert, weiß nichts mit dem Leben anzufangen, hat kein Feingespür fürs Leben. Die offene Straße liegt direkt vor ihm, doch er schaut auf die Landkarte. Wenn er direkt vor der Tür steht, fragt er andere: „Wo ist die Tür?“ Er ist blind. Also muss er sich kontrollieren. Denn die Tür ist ständig woanders. Das Leben ist nichts Totes, Statisches – keineswegs! Es ist dynamisch.

Also wird die Regel, die gestern noch galt, für heute nicht mehr gelten und kann auch für morgen nicht gelten. Aber wer auf Kontrolle angewiesen ist, schwört auf seine Ideologie; er hält sich an seine Landkarte. Die Straßen verlaufen täglich anders, das Leben schlägt immerzu neue Haken, er aber hält sich stets an seine alte, vergammelte Ideologie. Er richtet sich nach seiner Vorstellung, er folgt ihr, und dann liegt er immer falsch.

Deswegen hast du das Gefühl, viele Freuden im Leben versäumt zu haben. Wie könntest du auch anders – wo doch die einzige Freude, die das Leben zu bieten hat, darin besteht, der eigenen Einsicht zu folgen. Dann beschert es dir viele Freuden, aber dann hast du keinerlei Regeln, Vorstellungen, Ideale; dann bist du nicht dazu hier, irgendwelche Verhaltenscodes zu befolgen, sondern um zu leben und den Verhaltenscode deines eigenen Lebens zu entziffern.

Wenn dir der Verhaltenscode deines eigenen Lebens bewusst wird, wirst du sehen, dass er nicht etwas Fixiertes ist, sondern so dynamisch ist wie das Leben selbst.

Wenn du zu kontrollieren versuchst, steckt dein Ego dahinter: Dein Ego will dich in vielerlei Hinsicht manipulieren. Und hinter der Manipulation deines Egos steckt die Manipulation der Gesellschaft, und durch die Gesellschaft wirst du von Toten manipuliert – all jenen, die schon gestorben sind. Jeder Lebende, der sich an eine tote Ideologie hält, folgt somit Leichen! Zarathustra ist großartig, Buddha ist großartig, Laotse ist großartig, Jesus ist großartig – aber sie gelten nicht mehr. Sie haben ihr Leben genutzt, sie sind herrlich aufgeblüht. Lerne von ihnen, aber nicht als stumpfsinniger Anhänger. Sei ein Lernender, aber sei kein Schüler.

Ein Schüler lernt nur das Wort, den toten Buchstaben auswendig; ein Lernender eignet sich die Geheimnisse das Verstehens an, und sobald er selber verstanden hat, folgt er seinem eigenen Weg. Ehrfürchtig bedankt er sich bei Laotse und sagt: „Jetzt bin ich so weit – dank dir kann ich jetzt meinem Weg folgen.“ Er wird Laotse ewig verbunden sein – und paradoxer Weise kann, wer einem Jesus, Buddha oder Mohammed immer stur gefolgt ist, seinem Meister nie verzeihen. Wie soll er ihm auch verzeihen können, wenn er um seinetwillen die Freuden des Lebens versäumt hat? Wie kann er für ihn auch nur einen Funken Dankbarkeit empfinden? Tatsächlich kocht er vor Wut. Sollte er ihm je wieder begegnen, wird er ihn töten – war er es doch, der ihm ein kontrolliertes Leben aufgezwungen hat; gerade die Meister sind doch diejenigen, die euch nicht gestattet haben, so zu leben, wie ihr gerne gelebt hättet; gerade diese Leute, Moses und Mohammed, haben euch Gebote gegeben, wie ihr zu leben habt.

Das könnt ihr ihnen nicht verzeihen. Eure Dankbarkeit ist geheuchelt. Wie könntet ihr dankbar sein – so elend, wie euch zumute ist? Wofür denn? Wie könntet ihr für euer Unglück dankbar sein? Nein, dankbar kann nur der Selige sein.

Dankbarkeit heftet sich nur dann wie ein Schatten an deine Fersen, wenn du zutiefst glückselig bist, wenn du dich für immer gesegnet fühlst.

Sei ein disziplinierter Mensch, aber nie jemand, der kontrolliert. Wie aber kannst du dich disziplinieren? Disziplin wird immer mit Kontrolle verwechselt – Selbstkontrolle oder die von anderen. Pfeif auf alle Regeln und Vorschriften und lebe dein Leben durchweg bewusst – das ist alles. Hauptsache, du verstehst – das sei dein einziges Gesetz. Wer versteht, der wird lieben und niemandem Schaden zufügen; wer versteht, wird glücklich sein; wer glücklich ist, wird mit anderen teilen. Wenn du verstehst, wirst du so selig werden, dass dein ganzes Leben von einem Dankgefühl an die Existenz durchdrungen ist – stetig und unwiderstehlich, wie eine Strömung: Dann ­betest du.

Bemühe dich, das Leben zu verstehen; erzwinge nichts, und lass ständig Vergangenes hinter dir; denn solange noch ein Rest Vergangenheit in dir steckt und du kontrollierst, kannst du das Leben nicht verstehen. Und das Leben geht weiter und wartet nicht. Doch warum stellen die Leute Regeln auf? Warum fallen sie überhaupt erst darauf rein? Sie fallen deswegen in die Falle, weil ein Leben der Einsicht ein gefährliches Leben ist: Da ist man ganz auf sich gestellt. Wo Kontrolle herrscht, lässt sich's bequem und sicher leben, ist man nicht auf sich selbst angewiesen. Man pocht auf Moses, verlässt sich auf die Bibel, den Koran oder die Bhagavad Gita – man braucht sich nicht über die eigenen Probleme den Kopf zu zerbrechen, sondern kann einfach den Kopf in den Sand stecken. Man geht hinter altehrwürdigen Worten, Geboten, Gedanken in Deckung, und klammert sich an sie. Auf die Art und Weise kann man bequem und angenehm leben … Nur ist ein angenehmes Leben kein glückseliges Leben. So lebt man freudlos; denn freuen kann sich nur, wer gefährlich lebt.

Nur so kann man leben.

Lebe gefährlich, und wenn ich sage „Lebe gefährlich!“, meine ich: Lebe dir selbst gemäß, egal zu welchem Preis. Lebe gemäß deinem eigenen Bewusstsein, gemäß deinem eigenen Herzen und Gefühl – egal was du dafür aufs Spiel setzen musst.

Dann bist du selbst dann noch glücklich, wenn alle Sicherheit hin ist, wenn alle Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten hin sind. Ob als Bettler oder als König, ob du in Lumpen auf der Straße lebst – kein Kaiser kann sich dann mit dir messen. Selbst Kaiser werden dich um deinen Reichtum beneiden … Denn du bist zwar nicht reich an materiellen Dingen, aber an Bewusstsein. Ein unmerkliches Licht wird um dich sein und du wirst dich glückselig fühlen. Dies Gefühl ist zum Greifen nah – es ist so unverkennbar, so konkret, dass es selbst andere berührt und sie anzieht wie ein Magnet.

Äußerlich magst du ein Bettler sein, doch innerlich bist du zum König geworden.

Doch wenn dir ein angenehmes und sicheres Leben lieber ist, wirst du einen großen Bogen um Gefahr machen und viele Schwierigkeiten und Leiden meiden. Aber indem du all diese Schwierigkeiten und Leiden meidest, wirst du auch all die Seligkeit meiden, die das Leben zu bieten hat. Wer nicht leiden will, meidet die Seligkeit – vergiss das nicht. Wenn du vor einem Problem wegrennst, lässt es sich auch nicht lösen. Wenn du dich vor einer Situation drückst, verkrüppelst du dein eigenes Leben. Lebe nie kontrolliert – das tut nur ein Feigling! –, sondern diszipliniere dich. Nicht weil ich oder irgendwer sonst, sondern weil es dir dein eigenes Licht gebietet!

„Sei dir selbst ein Licht!“ Das waren Buddhas letzte Worte, ehe er starb. Seine Abschiedsworte waren: „Sei dir selbst ein Licht!“ Das heißt Disziplin.

Aus: Tao: The Three Treasures, Vol. 2

 

Mit freundlicher Genehmigung der Osho Verlags GmbH

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