Sex und meditative Augenblicke
Wer sich auf den Weg machen möchte, der muss weise sein und sich die gesamte Natur des Menschen zunutze machen. Jeder Mensch stellt unabänderlich den Weg zu sich selber dar, zur Wahrheit und zum Licht … Forsche danach, indem du die Gesetze des Daseins, die Gesetze der Natur, die Gesetze des Übernatürlichen studierst: Und lass dich bei all deinen Nachforschungen von der tiefen Ehrfurcht deiner Seele vor dem kaum zu erkennenden Stern leiten, der in dir brennt. Nach und nach wird sein Licht immer kräftiger werden, im selben Maße wie du es im Auge behältst und verehrst. Und wenn du ans Ziel gelangt bist, wird sein Licht plötzlich zum ewigen Licht werden … Lass dich nicht vom Dunkel in deinem Innern ängstigen und abschrecken; blicke wie gebannt auf jenes winzige Licht in dir, und es wird zunehmen. Aber ermesse auch an deinem eigenen inneren Dunkel, wie hilflos all die sind, die kein Licht gesehen haben und in deren Seelen abgrundtiefe Trübsal herrscht.
Wer sich auf den Weg machen möchte, der muss weise sein und sich die gesamte Natur des Menschen zunutze machen. Dies ist sehr bedeutsam. Du musst deine Gesamtheit einsetzen. Jeder Bruchteil, der eingesetzt wird, macht Probleme; jeder Bruchteil, der nicht eingesetzt wird, macht Probleme.
Du kannst etwas, das in dir ist, verwerfen, aber so wirst du niemals zum ganzen Menschen. Du kannst deine Wut verwerfen, zum Beispiel; oder deinen Sex, zum Beispiel. Viele Lehrer, viele Religionen haben von uns verlangt, den Sex zu verwerfen. Ihnen zufolge ist der Sex unser Feind: „Weg damit!“ Du kannst ihn verwerfen, aber damit verwirfst du einen bedeutenden Teil deines Wesens. Denn wie sollst du, wenn du ihn verwirfst, transformiert werden können? Dann wirst du immer nur ein halber Mensch sein. Was immer aus dir werden mag – ganz wirst du nie sein. Und wenn du nicht ganz bist, kannst du nie und nimmer frei werden. Der verworfene Teil wird Rache nehmen. Der unterdrückte Teil wird weiter in dir brodeln, nach einem Schlupfloch suchen, und dir ständig Probleme machen.
Die Weisheit aller Zeitalter sagt: „Nutze all deine Energie. Stell in dir Harmonie her.“ Jede Energie kann entweder destruktiv oder kreativ sein. Nichts ist an und für sich schlecht. Alles kann auf eine solche Art und Weise eingesetzt werden, dass sogar Gift zu Arznei werden kann. Weisheit denkt nicht daran, irgendwas zu verwerfen. Sie weiß, es kreativ zu nutzen. Sie wird deine Wut nutzen, deinen Sex nutzen, deinen Hass nutzen.
Aber wie soll das angehen? Wie kannst du deinen Sex nutzen? Ausgerechnet ihn, der dir vorkommt wie dein Erzfeind – wie kannst du ihn nutzen?!
Hier gilt es, drei Dinge zu verstehen. Erstens: Woher unser Verlangen nach Sex? Warum sehnen wir uns danach? Was gewinnen wir dadurch? Schaut genau hin. Je genauer ihr hinschaut, desto mehr wird nach und nach der Sex verschwinden.
Was soll das ganze Theater? Warum habt ihr ein solches Verlangen nach Sex? Weil er euch einen Augenblick tiefer Meditation beschert. Er ist der naturgegebene Zugang zu Meditation. Im Sex stehen deine Gedanken still, löst dein Verstand sich auf – freilich nur für einen einzigen Augenblick. Einen einzigen Augenblick lang bist du nicht mehr dein Verstand, bist du da, ohne Verstand, bist du ihn los. Dieses Freisein vom Verstand zündet in dir einen Blitz von Seligkeit.
Schau dir den Sex genau an. Verwirf ihn nicht. Mach ihn dir bewusst. Geh mit vollem Bewusstsein in ihn hinein und versuche herauszufinden, was er im innersten Kern ist. Und sein innerster Kern wird sein, dass dir der Sex gewissermaßen auf natürlichem Wege einen meditativen Augenblick schenkt: Du wirst gedankenlos und das schenkt dir Seligkeit. Hast du den innersten Kern erst einmal gefunden, kannst du auch ohne Sex einen solchen Augenblick ohne Gedanken herbeiführen. Zu diesem innersten Kern kann man auch vorstoßen, ohne sich auf Sex einzulassen. Danach wird der Sex nach und nach verschwinden. Von jetzt an wird dieselbe Energie ins Meditieren gehen, wird dieselbe Energie spirituell werden.
Jegliche Energie muss weise eingesetzt werden. Nichts darf verworfen werden.
Dies ist eins von den grundlegenden Dingen, die ich euch lehre:
Nichts braucht verworfen zu werden, absolut gar nichts. Du musst mit deinem gesamten Wesen in die Spiritualität hinein gehen. Wir werden deine Energien verändern, wir werden ihr Zusammenspiel verändern, werden alles neu arrangieren, neu aufeinander abstimmen. Auf die Art werden neue Harmonien, neue Symphonien entstehen – aber nichts wird fehlen.
Im Moment bist du noch ein Puzzle: Lauter unzusammenhängende Fragmente, ohne innere Einheit. Und alle Fragmente kämpfen miteinander. Du bist ein ungeordneter Haufen, lauter Noten aber ohne Melodie. Diese Noten lassen sich zu einer Melodie zusammenfügen. Und solange ihr das nicht tut, werdet ihr ein unglückliches Leben fristen.
In diesem Sutra heißt es:
Wer sich auf den Weg machen möchte, der muss weise sein und sich die gesamte Natur des Menschen zunutze machen.
Wenn ihr euch wirklich auf den Weg machen möchtet, der zum Allerhöchsten führt, werdet ihr eure gesamte Energie dafür einsetzen müssen. Nichts darf unterdrückt oder verworfen werden. Alles muss in tiefer Dankbarkeit angenommen werden.
Aus: The New Alchemie, #8