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Über den Satori-Prozess

Ein Erfahrungsbericht von Ganga Cording
Über den Satori-Prozess

Also, heute am Strand habe ich den Wellen zugehört und Kieselsteine angeschaut und dachte: Das ist es! Genauso wie es die Steine tun, gilt es zu leben, zu sitzen, den Satori-Prozess zu erleben.
Jeder so, wie er ist und jeder anders, mal eckig oder flach, mal rund oder spitz, groß oder klein, manchmal glitzernd wie Edelsteine in der Sonne, manchmal bedeckt von Seetang oder Sand, in Frieden mit der zufälligen Gesellschaft anderer Steine. Von den Wellen hin und her geworfen, poliert, geschliffen, mal die eine Seite nach oben, mal die andere – und letztendlich aufgelöst und als Sand weiterbestehend.
Je nach Perspektive erstrahlt jeder in seiner eigenen Schönheit und vor allem ist er immer er selbst: ein Stein.

So einfach könnte es sein, wenn wir nicht solche Künstler darin wären, immer neue Probleme zu kreieren.

Als ich zu meditieren anfing, hatte ich oft Angst davor, verrückt zu werden, oder dass mein Körper auseinanderfallen könnte. Ich erzählte Osho davon und er schickte mich ins „Enlightenment Intensive“, weil speziell dieser Prozess eine Brücke zwischen den beiden Seiten des Gehirns (rechts intuitiv, diskursiv – links logisch, linear) schlagen würde. Sie könnten dann miteinander funktionieren und müssten nicht unverbunden nebeneinander her existieren, ohne voneinander zu wissen.
Ich bin nicht verrückt geworden. Vielmehr habe ich festeren Boden unter den Füßen gewonnen, je länger ich diesen Prozess miterlebte, egal ob als Teilnehmerin oder als Leiterin. Mein Leben ist einfacher und entspannter geworden. Ich genieße es mehr, mit anderen zusammen zu sein und vor allem auch, alleine zu sein.
Ich hab es am eigenen Leibe erfahren und bei so vielen anderen gesehen, wie fantastisch therapeutisch der Satori-Prozess ist, obwohl es hier nicht um Therapie geht und es keinen Therapeuten gibt: Viel eher ist jeder zugleich sein eigener Patient und sein eigener Arzt.
Die Struktur und Technik des „Enlightenment Intensive“, die Charles Berner geschaffen hat, sind echt genial. Beide sind eine absolute Unterstützung darin, in den Moment, in das Hier und Jetzt zu kommen.
Die Interviews während der Gruppe erlebe ich oft als eine Art Tai Chi, wo ich an die unerschöpfliche Kreativität des Verstandes meines Gegenübers anknüpfe und wir – wenn alles gut geht – gemeinsam in den Augenblick tanzen.
Hier, in diesem Moment gibt es zwar Tatsachen und Gegebenheiten, aber keine Probleme. Es ist, was ist. Ob wir etwas mögen oder nicht, ändert keinen Deut an dem Fakt dessen, was ist.
Der Verstand ist ja nicht der Feind, sondern nichts anderes als eine Ansammlung aller Erfahrungen, die wir gemacht haben und die er uns zur Verfügung stellt –, nur leider oft in verdrehter und unangebrachter Weise: verdreht, weil er alles durch die Brille der Konditionierungen sieht und unangebracht, weil er nicht dem Augenblick entsprechend handelt.

Nach und nach wächst die Bereitschaft, nackt dem Augenblick in die Arme zu springen, ohne Sonnen-, Regen- oder Fallschirm. Und mit jedem Sprung nimmt auch das Vertrauen zu, tatsächlich in der Lage und mit allem Nötigen ausgestattet zu sein, um ganz hier sein zu können. Das hat uns ja niemand gesagt oder beigebracht, viel eher wurde uns eingebläut, wir seien entweder unfähig und dumm oder andererseits sehr begabt oder sonst wie besonders. Beide Botschaften sind wenig geeignet, einen realistischen Zugang zu sich und den eigenen Ressourcen, zu anderen und zur Welt zu finden. Und geht es letztendlich nicht darum, in den Pool meiner Ressourcen einzutauchen und anzufangen, mein Potential voll zu leben?

Indem wir mit dem Koan* verweilen, lernen wir, ja zu sagen zu dem, was gerade ist. Das bedeutet mehr Entspannung, weniger Kampf, weniger Anstrengung. Es wird immer einfacher, nur zu schauen und zuzulassen, was ist, ohne gleich in eine Reaktion zu verfallen. Bedenken, was alles schief gehen oder Wünsche, was alles noch besser sein könnte, werden allmählich leiser. Das Interesse daran, wirklich hier zu sein, wächst. „Eigentlich gar nicht so schlecht, was der Moment so zu bieten hat“, höre ich den Verstand sagen.

Genau das ist es, was in der Satori-Gruppe geschieht: Das Drinnen und Draußen direkt erfahren, von Moment zu Moment mit offenen Sinnen an der Quelle sitzen – so lebendig, so frisch, so unmittelbar.
Wenn dann noch das Bewusstsein hinzukommt, dass wir es sind, die da sitzen, wird es echt spannend.
Im Zen gibt es das Bild des „double edged sword of awareness“, des zweischneidigen Schwertes des Bewusstseins. Dessen eine Seite ist auf das Subjekt der Erfahrung gerichtet: Wer macht sie? Die andere zeigt auf das Objekt der Erfahrung: Was erfahren wir? Bewusstsein kann sich nach innen zum Selbst oder nach außen zu den Ereignissen des Moments wenden. Das eine ist unveränderlich, nicht Teil der Zeit, die anderen sind momentan und vergänglich. Aber Bewusstsein ist Bewusstsein, egal, was es zum Inhalt hat.
Wenn das Wer und das Was gleichzeitig präsent sind oder gar das Wer zum Was wird, ist die Sache komplett.
Das geschieht in jeder Satori-Gruppe einige Male. Und warum kommen dann manche immer wieder? Weil es so schön ist, eins mit sich und dem Universum zu sein, aber auch, weil der Verstand anzweifelt, ob es nicht doch nur ein Traum oder sonst wie trügerisch war. Oder auch, weil wir nach einer Phase der Integration tiefer gehen möchten, oder weil wir es ganz schlicht und einfach vergessen haben und uns wieder finden möchten.

Es stimmt schon, dass viele am Anfang ein großes Durchbruchserlebnis haben – die erste Liebe bleibt immer etwas ganz Besonderes! Aber erstens ist nichts wiederholbar und zweitens kann es auch später noch schön sein, vielleicht sogar tiefer und realistischer.

Nach dem ersten Satori-Erlebnis fängt die eigentliche Arbeit erst richtig an. Es wurde Lunte gerochen, Fährte aufgenommen: Auf gehts ins Dickicht der Gewohnheiten, Vorstellungen, Ideen, Sehnsüchte, Träume, Vorurteile und Projektionen und was Charakter und Verstand sonst noch alles zu bieten haben. Jemand anders hat es „after the ecstasy the laundry“, „nach der Ekstase das Wäschewaschen“ genannt. Nach dem Lichtblick gilt es nun, die Ärmel hochzukrempeln und Stück für Stück jede Gewohnheit zu waschen, bis nichts mehr übrig bleibt. Ohne Wäsche kein Schrubben, ohne Verstand kein ich – holidays, holy days!
Wie sagte eine Freundin so schön: „Ich bin schon ganz erschöpft vom ständigen Loslassen.“

Und wenn sich das Dickicht gelichtet hat, jeder Winkel geschrubbt wurde, gibt es nichts mehr zu tun, als nur noch da zu sein. Zu Hause, im Alleinsein angelangt, entpuppt sich dieses als Einssein mit dem Universum. Plötzlich ist ganz selbstverständlich hier, was früher verzweifelt dort gesucht wurde: Liebe, Schönheit, Freiheit, Vertrauen, Glückseligkeit, Göttlichkeit, Bewusstheit.

Für mich ist es jedes Mal ein großes Geschenk, mit dabei sein zu dürfen, wenn jemand in der Gruppe wie ein Schmetterling aus dem Kokon schlüpft, langsam seine Flügel aufpumpt und zum Flug ansetzt. Wie einer Hebamme geht mir das Herz auf und alle Mühe und Anstrengung sind vergessen. Und wir schauen uns im Team an und lachen und sagen: „Es funktioniert wirklich! Wann machen wir das nächste Satori?“

Wo aufhören? Jetzt, wo ich mich so richtig warm geschrieben habe... Es gäbe ja noch viel zu sagen, z.B. über:

  • Warum es für Pärchen und solche, die es werden wollen, mindestens genau so gut ist, Satori zu machen, wie eine Tantra- oder Learning-Love-Gruppe.
  • Warum ins Alleinsein zu gehen, nicht langweilig oder nur für „Beziehungsgeschädigte“ attraktiv ist.
  • Wie abgefahren es ist, sich rückwärts ins Nichts fallen zu lassen (meine bevorzugte Technik bei hohem Wellengang).

Am besten ist es, all diese Dinge selbst herauszufinden, sich selbst zu überraschen und das offene Geheimnis direkt zu erfahren.
Zum Schluss noch die gute Nachricht: Es wird nicht kleiner, dieses offene Geheimnis. Es wird umso größer, je mehr man in es hineintaucht, ich versprech’s!

Und jetzt nichts wie ab zum Strand, vielleicht lassen die Kieselsteine und Wellen mich in ihrer Symphonie der rollenden Stille mitspielen...

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* Ein Koan ist eine Frage, die nicht intellektuell, sondern nur existenziell beantwortet werden kann, d.h. sie muss direkt erlebt werden. So z.B.: Wer bin ich? Was bin ich? Was ist Liebe?

 

Über Ganga Cording

Dipl. Psych. In 37 Jahren hat sie über 200 ‘Who is in’ Meditations-Retreats geleitet. Sie ist Trainerin von Satori und ‘Who is in’ Retreats. Sie ist Gründerin der Academy of Awareness und Creative Expression. Sie macht Körperarbeit mit Schwerpunkt Hara Awareness Massage. Calligraphy und Gärtnern sind ihre geliebten Hobbies.

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