Ohne Tal kein Berg
Neulich, kurz nachdem ich angekommen war, begann die Schlacht zwischen Sex und Stille, Beziehung und Alleinsein. Ich hatte in dem Moment das Gefühl, dass eine Synthese unmöglich sei, als müsse ich mich für eins von beidem entscheiden, wäre aber in jedem Fall der Verlierer. Damals schien es mir möglich, als könne ich geradewegs gen Himmel fahren, ohne Umweg über die Erde.
Dies ist seit Menschengedenken eines der größten Probleme: Meditation und Liebe, Alleinsein und Beziehung, Sex und Stille. Das sind nur verschiedene Namen für ein und dasselbe Problem. Und die Menschheit hat seit eh deswegen je viel leiden müssen, weil die Leute das Problem falsch verstanden – indem sie gewählt haben.
Alle, die sich für eine Beziehung entschieden, wurden „die Weltlichen, die Diesseitigen” genannt, und alle, die sich für die Stille entschieden, wurden Mönche, „die Jenseitigen” genannt. Doch beide leiden, weil sie sich halbiert haben, und ein halbes Leben unglücklich macht. Nur wer heil und ganz ist, lebt gesund und glücklich; und wer heil und ganz ist, der ist vollkommen. Nur halb zu leben ist deshalb elend, weil die andere Hälfte ständig sabotiert, die andere Hälfte auf Rache sinnt. Die andere Hälfte ist unzerstörbar, weil sie zu DIR gehört, einfach nicht von dir zu trennen ist. Sie ist Teil deines Wesens und nicht etwas Zufälliges, das du wegwerfen kannst. So als würde ein Berg beschließen: „Ich will keine Täler mehr um mich herumhaben. Nun, ohne Tal kein Berg. Die Täler gehören zum Wesen des Bergs dazu, denn ohne Täler gäbe es gar keinen Berg. Sie ergänzen einander; ein Berg, der ohne die Täler auskommen wollte, wäre kein Berg mehr. Und ein Tal, das ohne den Berg auskommen wollte, wäre kein Tal mehr – oder könnte höchstens nur so tun als ob. Dann tut der Berg so, als wäre kein Tal da, aber es ist nun mal da, du kannst dir das zwar verheimlichen, du kannst das Tal tief in dein Unbewusstes verdrängen, aber es bleibt da, weicht nicht vom Fleck, denn es ist existenziell, es ist nicht zerstörbar. In Wirklichkeit bilden Berg und Tal ein Ganzes, genauso wie Liebe und Meditation, Beziehung und Alleinsein. Der Berg des Alleinseins erhebt sich nur aus den Tälern der Beziehung. Genau genommen kannst du dein Alleinsein nur dann genießen, wenn du es auch genießen kannst, in einer Beziehung zu sein. Gerade die Beziehung führt zu dem Bedürfnis nach Alleinsein … das ergibt einen Rhythmus.
Wenn man sich mit jemandem auf eine tiefe Beziehung eingelassen hat, stellt sich ein großes Bedürfnis ein, allein zu sein. Man fühlt sich ausgelaugt, erschöpft, müde – zwar heiter, zwar glücklich müde, aber jede Aufregung ist erschöpfend. Die Beziehung war herrlich, aber jetzt möchte man sich ins Alleinsein zurückziehen, um sich selbst wieder aufzusammeln, um wieder überfließend werden zu können, um sich wieder seiner Wurzeln vergewissern zu können. In der Liebe war man mit dem anderen verschmolzen, hat man den Kontakt zu sich selbst verloren. Man war ertrunken, betrunken. Jetzt möchte man wieder zu sich selbst zurückfinden. Aber kaum ist man allein, stellt sich wieder das Bedürfnis nach Liebe ein. Bald ist man so übervoll, dass man es nicht mehr bei sich behalten kann, dass man überzufließen beginnt … sich in jemanden ergießen möchte, sich jemandem schenken möchte. Liebe geht aus dem Alleinsein hervor.
Alleinsein macht dich übervoll. Liebe empfängt deine Gaben. Liebe macht dich leer, auf dass du wieder voll werden kannst. Sobald die Liebe dich ausgeleert hat, steht das Alleinsein bereit, um dich aufzupäppeln, wieder aufzubauen. Und dies ist ein Rhythmus.
Diese beiden Dinge voneinander trennen zu wollen – das war die Dummheit, die äußerst gefährliche Dummheit, unter der die Menschheit gelitten hat. Die einen werden weltlich – sie haben sich verausgabt, sie sind einfach erschöpft, leer. Sie wissen nicht, wohin mit sich; sie wissen nicht, wer sie sind; sie sind sich selbst nie begegnet. Sie leben mit anderen, sie leben für andere. Sie sind Herdenvieh, keine Einzelmenschen. Und vor allem: Ihr Liebesleben erfüllt sie nicht. Sie leben nur halb. Und keine Hälfte gereicht je zur Erfüllung. Nur das Ganze ist erfüllt.
Und dann gibt es die Mönche, die sich für die andere Hälfte entschieden haben. Sie leben in Klöstern. Das Wort Mönch bezeichnet einen, der allein lebt; es hat dieselbe Wurzel wie Monogamie, Monotonie, Monastery (Mönchskloster), Monopol. Das griechische monos bedeutet einzeln, allein.
Mönch ist einer, der allein sein möchte; doch dann ist er sehr bald übervoll, reif und weiß nicht, wohin er sich ergießen soll. Wohin mit sich? Liebe kommt nicht in Frage. Sein Gelübde verbietet Beziehungen. Er darf nicht unter Leute gehen. Jetzt müssen seine Energien versauern. Jede stagnierende Energie wird bitter. Selbst stagnierender Nektar wird zu Gift und umgekehrt … selbst fließendes Gift wird zu Nektar. Wer fließt, weiß, was Nektar heißt. Und wer stagniert, weiß, was Gift heißt.
Gift und Nektar sind nicht zweierlei, sondern zwei Zustände derselben Energie. Flüssig ist sie Nektar: Gefroren ist sie Gift. Wann immer Energie sich staut und keinen Ausgang findet, wird sie sauer, wird sie bitter, wird sie traurig, wird sie abstoßend. Statt euch Ganzheit und Gesundheit zu bescheren, macht sie euch krank.
Alle Mönche sind krank. Alle Mönche sind zwangsläufig pathologisch.
Die weltlichen Menschen sind leer, gelangweilt, erschöpft, schleppen sich nur noch dahin, im Namen der Pflicht, im Namen der Familie, im Namen der Nation – lauter heilige Kühe! – schleppen sich zu ihrem Grab, warten nur darauf, dass der Tod sie erlöse. Sie werden erst in ihrem Grab erfahren, was es heißt, auszuruhen. Sie kommen ihr ganzes Leben lang nie zur Ruhe. Und ein ruheloses Leben ist überhaupt kein Leben.
Das ist wie Musik ohne stille Momente – dann ist sie nur Lärm, ekelhaft, es wird einem übel davon. Große Musik ist ein Zusammenspiel von Tönen und Stille. Und je besser ihr Zusammenspiel, desto tiefer geht die Musik. Die Töne erzeugen Stille und die Stille erzeugt die Empfänglichkeit für Töne. Und so weiter und so fort … die Töne steigern nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch die Fähigkeit still zu werden.
Wer großer Musik lauscht, wird sich stets andächtig, heil und ganz fühlen: Sie beschert Heilung. Er findet zur Mitte, zu seinen Wurzeln. Der Himmel küsst die Erde, sie sind jetzt vereint. Körper und Seele begegnen und vermischen sich, ihre Grenzen lösen sich auf. Und das ist der große Augenblick – der Augenblick der unio mystica, der mystischen Einheit.
Harish, du sagst: Neulich, kurz nachdem ich angekommen war, begann die Schlacht zwischen Sex und Stille, Beziehung und Alleinsein.
Dies ist eine uralte Schlacht – und dumm, stockdumm. Achte bitte darauf, keine Schlacht zwischen Sex und Stille zuzulassen. Denn sonst wird dein Sex abstoßend und krank sein, und deine Stille stumpf und tot sein. Sorge dafür, dass Sex und Stille sich vereinigen und vermischen.
Tatsächlich stellen sich die herrlichsten Augenblicke der Stille dann ein, wenn ihnen Liebe, großartige Liebe, Gipfel der Liebe vorausgegangen sind. So wie auf die Gipfel der Liebe stets großartige Augenblicke der Stille und des Alleinseins folgen. Meditation führt zur Liebe; Liebe führt zur Meditation. Sie sind Partner. Es ist ausgeschlossen, sie zu trennen.
Also geht es nur darum, eine Synthese herzustellen. Da sie unmöglich zu trennen sind, kommt es darauf an zu verstehen, einzusehen, dass sie untrennbar sind.
Du sagst: Da … begann die Schlacht zwischen Sex und Stille, Beziehung und Alleinsein. Ich hatte in dem Moment das Gefühl, dass eine Synthese unmöglich sei.
Eine Synthese ist deshalb unmöglich, weil sie eins sind. Eine Synthese ist nicht erforderlich. Deine Synthese wird nur Hokuspokus sein, sie wird von vornherein verlogen sein, weil keine Synthese nötig ist und du nur eine vorgetäuschte Synthese erzwingen kannst.
Die Synthese hat bereits stattgefunden, sie ist schon vorhanden. Sie sind eins! –die zwei Seiten derselben Medaille. Da gibt es nichts zu synthetisieren – sie waren noch nie getrennt. Und so sehr sich der Mensch auch bemüht hat – und er hat wirklich alles versucht! – er ist immer gescheitert.
Religion ist noch nicht zur Noo-Sphäre der Erde avanciert; Religion ist noch nicht zu einer äußerst lebensnotwendigen, alles auf der Welt mitreißenden Sturmflut geworden. Und warum nicht? Aufgrund dieser Trennung. Man hat entweder diesseitig zu sein, oder man hat jenseitig zu sein – Entscheide dich! Und sobald du dich entscheidest, wirst du etwas vermissen. Egal wofür du dich entscheidest, du wirst ein Verlierer sein.
Ich sage: Du brauchst dich nicht zu entscheiden. Ich sage: Lebe beides zugleich. Selbstverständlich ist es eine Kunst, beides zu leben. Eins von beiden zu wählen und sich dran zu halten, ist leicht. Jeder Idiot kann das – genau genommen können das nur Idioten. Die einen Idioten haben das Diesseits gewählt, und die anderen Idioten haben das Jenseits gewählt. Der intelligente Mensch möchte beides leben.
Und nur darum geht es bei meinem Sannyas. Ihr könnt den Kuchen behalten und ihn auch aufessen – das nenne ich Intelligenz. Seid achtsam, bewusst, intelligent. Erkennt den Rhythmus und richtet euch nach ihm ohne zu wählen. Bleibt wahllos bewusst. Erkennt beide Extreme. Oberflächlich betrachtet wirken sie gegensätzlich, widersprüchlich, doch das sind sie nicht. Im Innersten ergänzen sie einander: Ein und dasselbe Pendel schlägt mal nach links und mal nach rechts aus. Nagelt es bitte nicht auf Links oder Rechts fest, denn damit würdet ihr nur die ganze Uhr kaputtmachen. Aber genau das ist bisher geschehen.
Akzeptiert das Leben in all seinen Dimensionen.
Ich verstehe dein Problem; es ist ein einfaches, durchaus bekanntes Problem. Nämlich: Wer eine Beziehung eingeht, vermag nicht mehr allein zu sein. Das beweist nur Mangel an Intelligenz. Nicht etwa, dass eine Beziehung verkehrt ist, sondern nur, dass du noch nicht intelligent genug bist. Also wird dir die Beziehung zu viel und du brauchst mehr Raum, um allein zu sein, und das erschöpft und ermüdet dich. Dann gibst du irgendwann der Beziehung die Schuld und erklärst sie für sinnlos: „Ich will Mönch werden! Ich zieh mich in eine Höhle im Himalaja zurück, wo ich allein leben kann.” Und du träumst in großartigen Farben davon, wie toll es wäre allein zu sein. Wie schön das wäre – niemand, der deine Freiheit einschränkt, niemand, der dich manipuliert: Dann brauchst du überhaupt nicht an den anderen zu denken!
Jean-Paul Sartre sagt: „Der andere ist die Hölle!" Das beweist nur, dass er nie begriffen hat, wie sehr Liebe und Meditation einander ergänzen – der andere ist die Hölle! Ja, der andere wird zur Hölle, wenn du nicht verstehst, inmitten all deiner Beziehungen auch mal allein zu sein. Der andere wird zur Hölle. Dann wird es mühsam, ermüdend, erschöpfend, langweilig, verliert der andere jegliche Schönheit, kennt man ihn in und auswendig. Man kennt sich gut, jetzt gibt es keine Überraschungen mehr. Man hat das Territorium bestens kennengelernt, man hat es schon so lange erforscht, dass es keine Überraschung mehr bietet. Das alles hängt einem einfach zum Halse heraus …
Aber jetzt kommt ihr nicht mehr ohne einander aus. Ihr seid alle beide todunglücklich, weil ihr füreinander die Hölle seid. Beide macht ihr euch die Hölle heiß, und beide klammert ihr euch aneinander, aus lauter Verlustangst – besser so als gar nichts! Wenigstens etwas, woran man sich halten kann, und wer weiß, morgen wird es vielleicht ja besser. Heute zwar noch nicht, aber morgen wird alles besser. Man kann weiterhoffen, also hofft man weiter. Man lebt in Verzweiflung, hofft aber immerzu weiter.
Bis man irgendwann das Gefühl hat, man wäre besser allein. Aber wenn du das Alleinsein wählst, wird das ein paar Tage lang ungeheuer schön sein, so schön wie mit dem andern – aber nur ein paar Tage lang. So wie jede Beziehung ihre Flitterwochen hat, gibt es auch Flitterwochen in der Meditation. Ein paar Tage lang fühlst du dich völlig frei, bist du einfach nur du selbst, fordert dich niemand, erwartet niemand etwas von dir. Wenn du früh aufstehen willst, hindert dich niemand. Wenn du morgens nicht aufstehen willst, kannst du weiterschlafen. Wenn du Lust auf etwas hast, okay. Wenn du auf nichts Lust hast, schert das keinen.
Ein paar Tage lang wirst du überglücklich sein – aber halt nur ein paar Tage lang. Bald wirst du es satthaben. Du wirst überfließen, aber niemand ist an deiner Liebe interessiert. Du wirst reif sein und musst deine Energie mit anderen teilen. Deine eigene Energie wird schwer werden, sie wird dich belasten. Du möchtest jemanden mit deiner Energie beglücken, wünscht dir jemanden, der sie willkommen heißt, aber dir fehlt ein Empfänger, der dich entlastet.
Was eben noch Alleinsein war, wird jetzt plötzlich zu Einsamkeit. Was für eine Veränderung! Die Flitterwochen sind vorbei. Aus Alleinsein wird allmählich Einsamkeit. Du verzehrst dich geradezu nach einem anderen. In deinen Träumen taucht plötzlich der andere auf. (…)
Die Leute, die ein weltliches Leben führen, sind genauso unglücklich wie die Mönche – niemand scheint glücklich zu sein. Die ganze Welt ist ein ständiges Elend. Und ihr könnt von einem Elend zum anderen wechseln, könnt euch für das diesseitige Elend oder das jenseitige Elend entscheiden – aber so oder so seid ihr arm dran: Nur ein paar Tage lang werdet ihr euch wohl fühlen.
Ich bringe euch eine neue Botschaft. Und zwar die, nicht mehr zu wählen. Statt eure Lebensumstände zu ändern, hört lieber auf, zu wählen, führt ein hellwaches Leben und werdet intelligent! Verändert euch psychisch, werdet intelligenter. Um selig zu werden, ist mehr Intelligenz nötig! Und dann könnt ihr sowohl allein als auch in einer Beziehung leben.
Macht eure Frau oder euren Mann ebenfalls auf diesen Rhythmus aufmerksam. Die Leute sollten von vornherein lernen, dass niemand rund um die Uhr lieben kann, dass man Ruhepausen braucht. Und dass niemand auf Befehl lieben kann – da Liebe etwas Spontanes ist. Was auch immer passiert geschieht von alleine und was nicht geschieht, geschieht nicht. Daran ist nichts zu ändern. Was ihr auch macht – es wird etwas Verlogenes, reines Theater sein.
Wahre Liebende, intelligente Liebende, werden sich hierbei gegenseitig unterstützen: „Wenn ich allein sein möchte, heißt das nicht, dass ich dich ablehne. Vielmehr verdanke ich es deiner Liebe, dass ich allein sein kann.” Und dann wird es dich nicht verletzen, wenn deine Frau eine Nacht oder ein paar Tage lang ungestört bleiben möchte. Du wirst dich nicht abgelehnt fühlen oder sagen, sie habe deine Liebe zurückgewiesen oder nicht empfangen wollen. Du wirst ihre Entscheidung respektieren, ein paar Tage lang allein sein zu wollen. Ja, du wirst froh sein! Du hast sie so sehr geliebt, dass sie sich leer fühlt; jetzt braucht sie Ruhe, um wieder voll zu werden.
Dies nenne ich Intelligenz.
So wie es steht, fühlst du dich abgelehnt. Wenn du zu deiner Frau gehst und sie nicht bereit ist, mit dir zu schlafen oder nicht sehr liebevoll zu dir ist, fühlst du dich regelrecht abgewiesen. Dein Ego ist verletzt. Dieses Ego ist ziemlich dumm. Alle Egos sind idiotisch. Intelligenz weiß von keinem Ego; Intelligenz macht einfach nur die Augen auf, versucht zu verstehen, warum deine Frau ein wenig Abstand von dir braucht. Nicht weil sie dich ablehnt – du weißt genau, wie sehr sie dich schon geliebt hat, wie sehr sie dich liebt – im Augenblick aber möchte sie mal allein sein. Und wenn du sie liebst, wirst du sie allein lassen, wirst du sie nicht quälen, wirst du sie nicht zwingen, dir zu Willen zu sein.
Und wenn der Mann allein sein möchte, wird die Frau nicht denken: „Er ist nicht mehr an mir interessiert – wer weiß, vielleicht hat er ja eine andere Frau kennengelernt.” Eine intelligente Frau wird den Mann in Ruhe lassen, damit er wieder zu sich kommen kann, damit er genug Energie für zwei hat. Und dieser Rhythmus ist wie Tag und Nacht, Sommer und Winter. Und ändert sich ununterbrochen.
Und wenn zwei Menschen einander ehrlich achten – und Liebe ist immer achtsam, sie ehrt den anderen; sie ist ein äußerst andächtiger, ehrfürchtiger Zustand – dann werdet ihr einander mehr und mehr verstehen. Und ihr werdet eure jeweiligen Rhythmen berücksichtigen. Und bald werdet ihr merken, dass eure Rhythmen sich immer näherkommen – dank eurer Liebe, eurer Achtung: Wenn dir nach Liebe zumute ist, ist auch ihr nach Liebe zumute. Dies gleicht sich an. Und zwar ganz von selber. So entsteht Gleichzeitigkeit.
Ist euch das noch nie aufgefallen? Wenn ihr einem wahren Liebespaar begegnet, werdet ihr viele Ähnlichkeiten zwischen ihnen entdecken. Wahre Liebende werden praktisch zu Geschwistern. Ihr werdet staunen: Nicht einmal Brüder und Schwestern sind sich so ähnlich! Ihre Ausdrucksweise, ihre Art zu reden, ihren Gesten – zwei Liebende gleichen sich an, so verschieden sie auch sein mögen. Das ergibt sich ganz von allein. Einfach indem sie zusammen sind, passen sie sich nach und nach einander an. Wahre Liebende brauchen nicht viele Worte zu machen – sie verstehen einander sofort, verstehen einander intuitiv.
Ist die Frau traurig, mag sie das gar nicht erwähnen, aber der Mann versteht und lässt sie in Ruhe. Wenn er traurig ist, versteht sie und lässt ihn in Ruhe – sucht nach einem Vorwand, um ihn in Ruhe zu lassen. Dumme Leute machen es genau umgekehrt: Sie lassen einander nie in Ruhe – sie sitzen sich ständig auf der Pelle, ermüden und langweilen einander, gönnen dem anderen einfach keinen eigenen Raum.
Liebe gewährt Freiheit und Liebe hilft dem anderen, er oder sie selbst zu sein. Liebe ist etwas sehr Paradoxes. Einerseits werdet ihr ein Herz und eine Seele, und andererseits verhilft sie euch zur Individualität, Einmaligkeit. Sie hilft euch eurer kleines Selbst loszulassen, aber sie hilft euch ebenso das höchste Selbst zu erreichen. Dann gibt es keine Probleme: Liebe und Meditation sind zwei Schwingen und sie wiegen einander auf. Und dazwischen wachst ihr heran, dazwischen findet ihr zu Gott.
Aus: Philosophia Perennis, Vol. 1, #5