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Interviews

Im Kreis der Männer

Mit Ramateertha

 

FRAGE: Was ist für dich männlich?

RAMATEERTHA: (lacht) Das ist eine gefährliche Frage! Es kommen sofort alle Bilder und Klischees hoch, wie man als Mann zu sein hat. Diese Bilder sollten wir gleich in die Tonne hauen! Sie führen nur dazu, dass „Mann“ versucht, irgendwelchen Bildern zu entsprechen, die für niemanden wirklich stimmen. Das ist das Problem der Männer und genauso ist es das Problem der Frauen. Lass es uns ganz einfach halten: Du bist ein Mann, wenn dein Körper männlich ist. Das ist der Anker für das Mann-Sein. Und mit dem ganzen Rest: Verschone mich!

 

Dennoch gibt es doch nicht nur biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Natürlich gibt es auch in der Psyche Unterschiede: Zum Beispiel ist die Energie des Mannes eher nach außen gerichtet, immer unterwegs und fokussiert. Die Energie der Frau ist eher rezeptiv, ruhend und intuitiv. Der Mann ist mehr mit seiner Arbeit identifiziert, die Frau hingegen eher mit ihrer Beziehung. Das sind archetypische Unterschiede. Doch wenn wir heute von solchen Unterschieden sprechen, dann bezieht sich das fast nie auf das Geschlecht der Person, über die wir reden. Es gibt sehr viele Frauen, die auf eine sehr männliche Art leben, und umgekehrt viele Männer, die eher feminine Qualitäten einbringen. Ein ganz entscheidender Schritt zu dieser Entwicklung war die Pille. Die Pille hat die Frau von ihrer klassischen Rolle, nämlich Kinder kriegen und an Heim und Herd gebunden zu sein, befreit. Meine Mutter sagte damals in einer intensiven Auseinandersetzung mit mir sehr bitter: „Die Pille ist eine schlimmere Erfindung als die Atombombe!“ Dank der Pille konnte Sexualität auf völlig andere, unbeschwertere Weise als Lust und nicht als bloßes Mittel der Fortpflanzung gelebt werden. Für die Frau haben sich so ganz neue Räume eröffnet. Das hatte immense Auswirkungen auf die Rollen von Mann und Frau. Und im Gegensatz zur Atombombe hat die Pille eine ungeheuer kreative Entwicklung ermöglicht.

 

In unserer Gesellschaft können wir sehen, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau zunehmend verwischen. Du sagst jetzt, dass es darum geht, sich von den Klischees zu lösen, wie man als Mann oder als Frau zu sein hat. Das geht also beide Geschlechter gleichermaßen an – warum bietest du dann mit der „Men’s Liberation“ eine Männergruppe an?

Der Grund ist ganz einfach: In dem Moment, wo eine Frau mit im Raum ist, verändert sich die gesamte Dynamik der Kommunikation. Wenn Männer allein in der Gruppe zusammenkommen, sind sie ein Stück entspannter. Gleichzeitig gibt es auch eine andere Seite, wo sie unsicher sind und sich vielleichtsogar bedroht fühlen. In der Gruppe geht es also erst mal darum, ein Feld des gegenseitigen Vertrauens und der Achtung des anderen aufzubauen. Das fällt den Männern schwerer als den Frauen. Da ist diese fast archaische Angst, dass der andere sein Schwert zieht, sobald ich Schwäche zeige. Doch wenn dieses Feld des Vertrauens einmal da ist, haben Männer eine Qualität mit einander zu reden, die unglaublich schön ist. Sie geben einander sehr direkt und klar Feedback. Da ist sehr viel Respekt vor einander und das Bedürfnis einander zu unterstützen und auch zu schützen.

 

Männer lernen also in der Gruppe Solidarität mit dem eigenen Geschlecht?

Absolut – das ist eine wichtige Funktion der Gruppe! Männer sind sehr geübt darin, sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Das ist auch Teil unserer Erziehung. Archetypisch ging es immer darum: „Wer ist das Alphatier?“ Schau dir Wahlkämpfe an: Das sind regelrechte Massaker – meistens unter Männern. Wer hat Recht – wer bekommt die Macht? Das sind typisch männliche Fragen. Und an oberster Stelle dieses archetypischen Rollenmodells steht Gott, der allmächtige Vater. Er hat alle Macht und er hat immer recht. Gott ist die oberste Instanz, die sagt, was gut und was böse ist. Er ist eines der stärksten Rollenmodelle, das Männer haben. Solange wir als Männer von diesem Bild geprägt sind, wird es Kampf geben. Was aber passiert, wenn wir uns nicht gegenseitig in die Pfanne hauen? Wenn wir nach den Qualitäten des anderen schauen, um ihn darin zu unterstützen? Dann entsteht etwas sehr Wertvolles. Auf einmal können wir geben, ohne gleich die Fragen zu stellen: „Was krieg ich denn dafür zurück?“ Dann entsteht das, was wir soziale Kompetenz nennen; etwas, das heute mehr denn je gebraucht wird!

 

Müssen Männer dieses Geben ohne Kalkül noch üben?

Ja, denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zur Frau. Sie gibt dem Kind Leben. Und zwar nicht als Teil eines Geschäfts. Sie gibt einfach. Das hat die Natur wunderbar eingerichtet. Da ist eben nicht die Frage: „Was kriege ich dafür, cash auf die Kralle?“ Dieses bedingungslose Geben ist eine sehr tiefe Prägung. Männer können das nicht in gleicher Weise tun, aber auch sie können lernen, aus der Fülle ihres Seins zu geben. Und dann werden sie erfahren, dass dies eine große Bereicherung ist. Ich habe das zum Beispiel ganz stark bei der letzten Men’s Liberation erlebt. In dieser Gruppe gibt es eine bestimmte Struktur des Miteinander-Redens. Da war so unglaublich viel Respekt vor einander, dass wir als Gruppenleiter mit dem gesamten Team hinterher aufgestanden sind, um den Teilnehmern Beifall zu klatschen. Wir alle haben da die Erfahrung gemacht, dass Kritik etwas sehr Aufbauendes sein kann, wenn sie eben nicht das gestreckte Schwert ist, um den anderen zur Strecke zu bringen. Es war ein freundschaftliches Geben. Es ist ein Geben aus der Fülle und nicht aus einer Verpflichtung oder einem Gebot heraus. Du gibst etwas von dem Reichtum, den du mitbekommen hast. Den das Leben dir gegeben hat. Das hat etwas mit Dienen zu tun: dem Leben dienen und auf diese Weise zutiefst mit ihm verbunden zu sein.

 

Es ist also wichtig, dass Männer lernen, sich auch mit ihren Geschlechtsgenossen anzufreunden?

Absolut, denn sonst verpassen sie 50 Prozent der Menschheit! (lacht) Männer können einander einen bestimmten Halt geben, wenn sie lernen, sich ehrliches und konstruktives Feedback zu geben und die unterschiedlichsten Qualitäten der anderen zu schätzen. Sie können sich unterstützen. Das fängt mit der Beziehung zwischen Vater und Sohn an. Wenn der Sohn nicht vom Vater nehmen konnte – vielleicht war er kein positives Vorbild –, wird er versuchen, das bei seiner Partnerin zu finden. Das geht nie gut! Und umgekehrt genauso: Wenn eine Frau in der Beziehung zu einem Mann versucht, etwas zu bekommen, was sie eigentlich von der Mutter hätte bekommen müssen. Auch das geht nicht gut. Beide brauchen die Unterstützung von ihrem eigenen Geschlecht, um dem anderen Geschlecht begegnen zu können. Wenn die fehlt, wirst du automatisch mit kindischen Erwartungen an deine Partnerschaft herangehen.

 

Aber ist es nicht ein Problem, dass für viele Jungens heute männliche Bezugspersonen fehlen? Sie sind umgeben von lauter Frauen: alleinerziehende Mütter, Kindergärtnerinnen, Grundschullehrerinnen. Das ist eine Umgebung, wo bestimmte männliche Eigenschaften negativ sanktioniert werden …

Das stimmt: Die Luft für die Jungs ist dünner geworden. Es fehlt an einem Feld, wo sie sich austoben können. Dafür müsste es mehr Räume geben und die müssten von Männern gehalten werden. Es ist also nicht das Problem der Frauen, sondern eher das der Männer. Wenn die nicht präsent sind, weil sie ausschließlich mit Karriere und Existenzkampf beschäftigt sind, entsteht ein Vakuum. Da fehlt männlicher Zusammenhalt, wie du ihn hier im Kölner Buddhafeld zum Bei-spiel ganz stark bei den georgischen Sannyasins findest. Das ist für mich immer wieder beeindruckend, wie stark sie sich gegenseitig unteterstützen. Das ist in Deutschland total verloren gegangen und ich glaube, das hat auch etwas mit unserer dramatischen Geschichte zu tun. Die hat das Vertrauen in die männliche Kraft und männlichen Zusammenhalt vollkommen zerstört.

Auch das hat seine positiven Seiten: Wir können halt nicht mehr einfach drauflosschlagen, denn die schrecklichen Folgen haben wir gesehen. Da ist etwas Neues dran, und das ist eine große Herausforderung. Es kann jetzt also überhaupt nicht um ein Rollback gehen, dass die Männer ihre Vorherrschaft gegenüber den Frauen zurückgewinnen. Dass die Frauen nicht mehr am Herd stehen müssen und jetzt viel mehr ihr Potenzial leben können, ist eine absolut positive Entwicklung. Jetzt geht es darum, dass auch die Männer lernen, sich gegenseitig zu unterstützen. Dass sie bereit sind zu geben, und zwar nicht als Teil eines Geschäfts.

 

In der Arbeit von Hellinger heißt es immer: Geben kann nur der, der genommen hat. Viele Männer haben ja ein ganz schwieriges Verhältnis zum eigenen Vater, zum Beispiel weil der nie oder selten da war. Welche Bedeutung hat das Nehmen des Vaters?

Das ist ein ganz wichtiger Schritt, denn nur so kannst du deine Identität als Mann finden. Wenn du diesen Schritt nicht getan hast, dann projizierst du den Vater auf andere Personen und versuchst von denen zu bekommen, was nur vom Vater kommen kann: ein Halt, eine männliche Stärke. Zum Beispiel wird dieses Nehmen vom Vater besonders schwierig, wenn die Intimität zwischen Vater und Mutter gestört ist. Das sehe ich immer wieder in den Aufstellungen. Der Konflikt zwischen Vater und Mutter reißt das Kind in zwei Richtungen: Wenn es den Vater nimmt, bekommt es sofort die Angst, die Mutter zu verlieren, und wenn es die Mutter nimmt, den Vater zu verlieren. Das ist fatal, denn das Kind steht dazwischen. Das Kind ist Vater und Mutter. Wenn beide im Krieg leben, ist das für das Kind eine Katastrophe. Das heißt nicht, dass die Eltern auf ewig zusammenbleiben müssen. Es geht darum, dass sie sich auf eine ehrliche Weise miteinander befassen. Dass auch die gegenseitigen Verletzungen zur Sprache kommen und die Fehler, die gemacht wurden. Wenn das geschieht, können sich beide wieder für die Liebe öffnen, die einmal da war. Sobald das geschieht, kann das Kind aufatmen. Es wird physisch spüren, dass sich etwas entspannt, weil es eben aus Vater und Mutter besteht. Das Kind braucht beide.

 

Osho hat ja immer wieder betont, dass auch zum Menschsein beides gehört: die innere Frau und der innere Mann …

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit in der Men’s Liberation ist es daher, dass auch die femininen Qualitäten ihren Platz bekommen. Die sind in der Welt der Männer oft vollkommen abgespalten oder auch als „unmännlich“ verurteilt. Zum Beispiel die Fähigkeit zu trauern, Gefühle zu empfinden oder zu zeigen. Und gleichzeitig auch die Fähigkeit, sich um Schönheit zu kümmern. Also etwa ein Feld zu schaffen, wo Menschen sich wohlfühlen können. Dazu braucht es Empathie und die Fähigkeit, fürsorglich zu sein. Um ein ganzer Mensch zu werden, müssen wir männliche wie weibliche Elemente in uns vereinen.

Die Welt ist heute noch weit davon entfernt, der Frau wirklich den Platz zu geben, der ihr gebührt. Ein entscheidender Schritt dazu ist, dass der Mann lernt und in der Lage ist, seine „innere Frau“ zu befreien, das heißt sie zu respektieren, zu achten und wertzuschätzen – sprich: zu lieben!

 

Seminar zum Thema

Men‘s Liberation – Die Freiheit, voll und ganz Mann zu sein

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