Der andere ist und bleibt ein Geheimnis
"Gibt es deshalb Beziehungen, weil keine Liebe da ist?"
Ja. Liebe ist keine Beziehung. Liebe bezieht sich zwar, ist aber keine Beziehung. Eine Beziehung ist etwas Abgeschlossenes. Eine Beziehung ist ein Substantiv mit einem Punkt dahinter; die Flitterwochen sind vorbei. Jetzt ist keine Freude, keine Begeisterung da, jetzt ist alles vorbei.
Man macht weiter damit, um zu halten, was man versprochen hat. Man macht weiter damit, weil es bequem ist, angenehm, gemütlich. Man macht weiter damit, weil man nichts anderes zu tun hat. Man macht weiter damit, weil man sich nur Probleme an den Hals schafft, wenn man’s abbricht.
Eine Beziehung ist etwas Vollständiges, Fertiges, Geschlossenes. Liebe ist niemals eine Beziehung; Liebe ist ein Sich-aufeinander-beziehen, ist stets ein endlos weiterfließender Strom. Liebe kennt keinen Schlusspunkt; die Flitterwochen beginnen, ohne je aufzuhören. Sie ist nicht wie ein Roman, der an einem bestimmten Punkt einsetzt und an einem bestimmten Punkt aufhört. Sie ist etwas Unaufhörliches. Die Liebenden enden, die Liebe geht weiter. Sie ist ein Kontinuum. Sie ist ein Tätigkeitswort, kein Hauptwort. Und warum reduzieren wir die Schönheit des Sich-aufeinander-beziehens auf eine Beziehung? Warum haben wir es so eilig? – weil das Sich-beziehen unsicher ist und eine Beziehung eine Sicherheit ist, eine Beziehung Gewissheit verleiht. Im Sich-beziehen begegnen sich nur zwei Fremde … vielleicht nur für eine Nacht und am Morgen sagen wir Adieu. Wer weiß, was morgen passieren wird? Und wir haben eine solche Angst, dass wir Gewissheiten wollen, dass wir es vorhersagbar machen wollen. Wir wollen, dass das Morgen unseren Vorstellungen entspricht, wir billigen ihm nicht die Freiheit selber zu mitzureden. Also reduzieren wir jedes Verb sofort zu einem Substantiv.
Du hast dich in eine Frau oder einen Mann verliebt und denkst sofort ans Heiraten: Ein standesamtlicher Vertrag muss her. Warum? Was mischt sich das Gesetz in die Liebe ein? Das Gesetz mischt sich deshalb in die Liebe ein, weil gar keine Liebe da ist. Es ist nur eine Fantasie – und ihr wisst, die Fantasie wird sich auflösen. Aber bevor sie das tut, lasst uns Nägel mit Köpfen machen – sorgen wir dafür, dass wir uns nicht mehr trennen können!
In einer besseren Welt, mit mehr meditativen Menschen, mit etwas mehr Erleuchtung überall auf der Erde, werden die Menschen sich lieben, gewaltig lieben, aber ihre Liebe wird ein Sich-beziehen sein, keine Beziehung. Und ich sage damit nicht, dass ihre Liebe nur Momentsache sein wird. Und es ist durchaus möglich, dass ihre Liebe tiefer gehen mag als eure Liebe, dass sie sehr viel erhabener, viel intimer sein mag, mehr Poesie und mehr Gott enthalten mag. Und es ist durchaus möglich, dass ihre Liebe länger währen mag als eure so genannte Beziehung je dauert. Aber das wird ihnen kein Gesetz, kein Gericht, keine Polizei garantieren.
Es wird eine innere Garantie sein. Es wird eine Herzensverpflichtung sein, es wird ein stillschweigendes Einverständnis sein. Wenn du mit jemandem zusammen sein möchtest, möchtest du das mehr und mehr genießen. Wenn du die Zweisamkeit genießt, möchtest du diese mehr und mehr erforschen.
Und es gibt ein paar Blumen der Liebe, die erst nach geraumer Zweisamkeit aufblühen. Es gibt zwar auch Kurzblüher – binnen sechs Wochen tauchen sie im Sonnenschein auf, aber nach weiteren sechs Wochen sind sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Es gibt Blumen, die Jahre brauchen, um aufzublühen. Je länger es dauert, desto tiefer geht es.
Aber dazu muss eine Verpflichtung von dem einen Herzen zum andern Herzen da sein. Sie braucht nicht einmal in Worte gefasst zu werden, denn durch alles Wortemachen wird es nur oberflächlich. Es muss ein stilles Einvernehmen sein, von Auge zu Auge, Herz zu Herz, Dasein zu Dasein. Es muss verstanden, nicht gesagt werden.
Es ist so abstoßend, Menschen zu sehen, die zum Heiraten in die Kirche oder zum Standesamt gehen. Es ist so abstoßend, so unmenschlich. Das zeigt nur, dass sie sich nicht selber trauen können, dem Polizisten mehr trauen als sie ihrer eigenen inneren Stimme trauen. Es zeigt, dass sie nicht ihrer Liebe trauen, sondern dem Gesetz trauen.
Vergiss Beziehungen und lerne dich zu beziehen. Sobald ihr in einer Beziehung seid, fangt ihr an, einander für gegeben anzusehen. Genau das ist es, was jede große Liebe kaputt macht. Die Frau meint den Mann zu kennen, der Mann meint die Frau zu kennen. Keiner von beiden kennt den andern. Es ist unmöglich, den andern zu kennen; der andere ist und bleibt ein Geheimnis. Und den andern als gegeben anzusehen ist beleidigend, respektlos.
Zu meinen, dass du deine Ehefrau kennst, ist sehr undankbar. Wie könntest du die Frau kennen? Wie könntest du den Mann kennen? Sie sind Entwicklungsprozesse, sie sind keine Sachen. Die Frau, die du gestern kanntest, ist heute nicht mehr da. Es ist so viel Wasser den Ganges hinuntergeflossen; sie ist jemand anders, völlig verschieden. Bezieh dich erneut, fang wieder an, sieh nichts für gegeben an!
Und der Mann, mit dem du letzte Nacht geschlafen hast – sieh dir am Morgen wieder sein Gesicht an. Er ist nicht mehr dieselbe Person, so vieles hat sich geändert. So viel, unvorstellbar viel hat sich verändert… Das ist der Unterschied zwischen einer Sache und einer Person. Die Möbel im Zimmer sind noch dieselben, aber der Mann und die Frau, die sind nicht mehr dieselben. Seid wieder neugierig, fangt wieder an. Das ist es, was ich mit „Sich-beziehen“ meine.
Sich-beziehen heißt, dass ihr immerzu anfangt, dass ihr ununterbrochen versucht, euch bekannt zu machen. Wieder und wieder stellt ihr einander vor, versucht ihr, die vielen Facetten der Persönlichkeit des andern zu erkennen, versucht ihr, immer tiefer in das Reich seiner innersten Gefühle vorzudringen, bis in die verborgensten Winkel seines Wesens hinein. Kurz, ihr versucht ein Mysterium zu enträtseln, dass sich nicht enträtseln lässt.
Das sind die Freuden der Liebe: die Erforschung des Bewusstseins. Und wenn ihr euch aufeinander bezieht und keine Beziehung draus macht, dann wird der andere dir zum Spiegel werden. Indem du ihn erforschst, wirst du unversehens auch dich selber erforschen. Im selben Maße, wie du tiefer in den andern eindringst und seine Gefühle, seine Gedanken, seine tieferen Regungen kennenlernst, wirst du auch deine eigenen tieferen Regungen erkennen. Liebende werden einander zu Spiegeln und dann wird aus Liebe Meditation. Beziehung ist abstoßend, Sich-beziehen ist herrlich.
In einer Beziehung erblinden beide füreinander. Frag dich einmal, wie lange es her ist, dass du deiner Frau tief in die Augen geschaut hast? Wie lange ist es her, dass du deinen Ehemann angesehen hast? Vielleicht Jahre. Wer sieht denn noch die eigene Frau an? Für dich steht fest, dass du sie kennst. Was gäbe es da noch zu sehen? Ihr interessiert euch mehr für Fremde als für die Menschen, die ihr kennt – ihr kennt die ganze Topographie ihrer Körper, ihr kennt jede Verhaltensweise, ihr wisst, dass alles, was bisher geschehen ist, sich ununterbrochen wiederholen wird. Es ist ein wiederkehrender Kreislauf.
So ist es nicht, eigentlich ist es nicht so. Nichts wiederholt sich je, alles ist jeden Tag neu. Es ist nur so, dass eure Augen alt werden, eure Annahmen alt werden, euer Spiegel Staub ansammelt; und so verlernt ihr den andern zu spiegeln.
Darum mein Rat: Bezieht euch. Indem ich das sage, meine ich: Bleibt ständig in den Flitterwochen. Werdet nicht müde einander zu suchen und ausfindig zu machen, neue Wege zu entdecken, wie ihr euch lieben könnt, neue Wege zu entdecken, wie ihr zusammen sein könnt. Und jeder einzelne Mensch ist ein so grenzenloses Mysterium, so unerschöpflich, so unauslotbar, dass ihr unmöglich je an den Punkt kommen könnt, wo ihr sagt: „Jetzt kenne ich sie“ oder „Jetzt kenne ich ihn.“ Allenfalls könnt ihr sagen: „Ich habe mein Bestes versucht, aber das Mysterium ist und bleibt ein Mysterium.“
Ja, je mehr du erkennst, desto mysteriöser wird dir der andere. Dann ist die Liebe ein nicht endendes Abenteuer.
Book of Wisdom, #12