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Diskurse

Eine Krisenzeit ist eine wertvolle Zeit

Von Osho


FRAGE: Es wird immer behauptet, in Zeiten gewaltigen Umbruchs ­– ganz gleich ob gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder religiöser Art – könne sich vieles zum Guten wenden. Darf man dies auch auf das beziehen, was wir hier gerade in deiner Präsenz in Pune erleben?
 

OSHO: Ja, eine Krisenzeit ist eine sehr wertvolle Zeit.

Wenn alles feststeht und nichts kriselt, ist es tot. Wenn alles still steht und das Alte alles im Griff hat, kannst du dich nahezu unmöglich selber verändern. Wenn alles drunter und drüber geht, nichts mehr statisch ist, nichts mehr sicher ist, niemand weiß, was im nächsten Augenblick geschehen wird – in einem solchen Augenblick bist du frei, kannst du dich verändern: Jetzt kannst du bis ins Innerste deines Seins vordringen.

Es ist genau so wie im Gefängnis: Wenn alles läuft wie am Schnürchen, kann praktisch kein Häftling entrinnen, ist keine Flucht möglich. Aber nun stellt euch vor, die Erde hat gebebt und im allgemeinen Durcheinander weiß niemand, wo die Wachen sind und wo der Gefängnisdirektor steckt, und alle Regeln sind hin und jeder läuft frei herum … in dem Moment kann ein aufmerksamer Häftling ohne weiteres entkommen; nur ein Dummkopf wird sich eine so günstige Gelegenheit entgehen lassen.

Wenn eine Gesellschaft im Umbruch ist und es überall kriselt, herrscht Chaos: In so einem Moment kannst du, wenn du willst, aus dem Gefängnis entkommen. Das ist ganz einfach, da niemand dich mehr bewacht, niemand dich verfolgt. Du bist auf dich gestellt. In so einem Moment denkt jeder nur noch an sich selber, achtet keiner auf dich: Jetzt oder nie!

Verpasse nicht diesen Moment. In großen Krisenzeiten sind immer viele erleuchtet worden. Wenn die Gesellschaft etabliert ist und man praktisch nicht rebellieren kann, transzendieren kann, ungehorsam sein kann, wird Erleuchtung äußerst schwierig – denn die ist gleichbedeutend mit Freiheit, mit Anarchie, letztlich damit, sich von der Gesellschaft abzuwenden und zu individualisieren. Die Gesellschaft mag keine Individualisten: Ihr sind Roboter lieber, die zwar individuell wirken mögen, es aber gar nicht sind. Der Gesellschaft missfällt ein authentisches Wesen. Sie mag Masken, Angeber, Heuchler, aber keine echten Menschen; denn ein echter Mensch macht immer nur Probleme.

Ein echter Mensch ist immer ein freier Mensch. Er lässt sich nichts aufzwingen, er lässt sich nicht einfangen, nicht versklaven. Er verliert lieber sein Leben, als dass er seine Freiheit verliert. Er schätzt seine Freiheit noch mehr als sein Leben. Freiheit ist für ihn der höchste Wert. Darum haben wir in Indien den höchsten Wert "moksha" oder "nirvana" genannt – was beides Freiheit bedeutet, die restlose Freiheit, die absolute Freiheit.

Wann immer eine Gesellschaft zusammenbricht und jeder sich nur noch um sich selber kümmert – kümmern muss –, macht, dass ihr wegkommt! In dem Moment stehen die Gefängnistore sperrangelweit offen, klaffen Risse in den Mauern, haben die Wachen ihre Posten verlassen: Man kann ohne weiteres fliehen.

Genau das war zu Buddhas Zeit der Fall, vor 25 Jahrhunderten. Denn es verläuft immer im Kreis: Alle 25 Jahrhunderte schließt sich wieder der Kreis. So wie ein Jahr einen Kreis beschreibt – wieder wird es Sommer, nach einem Jahr kommt der Sommer wieder…, gibt es auch einen großen Kreis von 25 Jahrhunderten. Alle 25 Jahrhunderte lösen sich die alten Grundfesten auf; jetzt muss die Gesellschaft neue Fundamente legen. Das alte Gebäude ist verfallen; es muss abgerissen werden.

Dann werden alle Systeme – Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Religion – hinfällig. Nun wird das Neue geboren: dies sind die Geburtswehen. Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder versuchst du  die todgeweihte Struktur zu stützen; dann magst du ein Beamter werden, der alles noch zu stabilisieren sucht. Dann hast du Pech, denn es gibt jetzt nichts mehr zu retten: Die Gesellschaft stirbt ab. Jede Gesellschaft hat eine Lebensspanne und jede Kultur hat ihre Lebensspanne. So wie wir wissen, dass ein neugeborenes Kind erst zum Jugendlichen wird und dann alt wird und stirbt… nach 70, 80 oder höchstens 100 Jahren. Jede Zivilisation, die entsteht, muss ebenfalls sterben.

Diese kritischen Augenblicke sind einerseits Todesmomente des Vergangenen, Überholten, und andererseits die Geburtsstunde des Neuen. Vergeudet keine Zeit damit, die alte Struktur zu stützen – sie ist zum Tode verurteilt. Wer sie noch stützt, könnte unter ihren Trümmern ersticken. Dies ist die eine Möglichkeit: dass du anfängst, die alte Struktur zu stützen. Nur nützt das leider nichts; damit verpasst du nur die Gelegenheit.

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Du kannst eine gesellschaftliche Revolution anzetteln, um das Neue einzuführen. Aber auch damit verpasst du die Gelegenheit – denn das Neue wird von selber kommen. Man braucht es nicht einzuführen – es wird schon geboren. Lass die Finger davon, werde kein Revoluzzer. Das Neue kommt sowieso. Wenn das Alte vorbei ist, kann es niemand zwingen zu bleiben, und wenn das Neue da ist und seine Zeit  gekommen und das Kind im Mutterleib reif ist, wird es zur Welt kommen. Da müsst ihr keinen Kaiserschnitt einleiten. Das Kind wird ohnehin geboren, du brauchst dich darum nicht zu kümmern.

Die Revolution vollzieht sich von selber; sie ist etwas Natürliches. Sie bedarf keiner Revolutionäre. Ihr braucht den Schuldigen nicht zu töten; er wird von sich aus sterben. Wer anfängt, sich für eine Revolution einzusetzen und ein Kommunist oder Sozialist wird, wird es verpassen. Diese beiden Alternativen sind also die Fehlschläge. Du kannst diese Krisenzeit aber auch für deine Transformation nutzen, sie für dein persönliches Wachstum nutzen. So ein kritischer Zeitpunkt in der Geschichte ist unvergleichlich: Alles ist angespannt und alles wird intensiv und alles läuft auf einen Zeitpunkt, einen Gipfel hinaus, wo das Rad sich wieder dreht. Nutzt diese Tür, diese günstige Gelegenheit, und lasst euch verwandeln.

Darum betone ich so sehr die Wichtigkeit einer individuellen Revolution.

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