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Wenn du wartest, geschieht alles von selber

Ein Auszug aus einem Osho Diskurs
Wenn du wartest, geschieht alles von selber

Meistens habe ich das Gefühl, nur in den Augen anderer zu existieren – so als reagiere ich lediglich auf das, was sie von mir erwarten. Ich habe nicht das Gefühl, mein Ego überwunden zu haben, sondern gar kein Ego, kein Sein, kein Innerstes zu haben. Ich komm mir so unwirklich vor! Wo bin ich?  Was kann ich tun – oder lassen?

Dein Sein wird nie in den Augen anderer widergespiegelt. Dein Sein kannst du einzig und allein kennenlernen – nämlich indem du vor sämtlichen Spiegeln die Augen schließt. Du musst dein Innerstes betreten, dich ihm unmittelbar stellen. Niemand kann dir eine Vorstellung davon vermitteln, was es ist. Nur du kannst es erkennen, aber niemand sonst. Es kann nie und nimmer ein geborgtes Wissen sein, sondern nur eine unmittelbare Erfahrung, ein ureigenes Erfahren, hier und jetzt. Sei also unbesorgt.

Ich habe nicht das Gefühl, mein Ego überwunden zu haben, sondern gar kein Ego, kein Sein, kein Innerstes zu haben. Ich komme mir so unwirklich vor! Wo bin ich?

Du bist genau zwischen diesen zwei Welten. So ergeht es jedem, der meditiert. Deine bisherige Identität hattest du den Augen anderer abgelesen, den Meinungen anderen entnommen. Dann beginnst du, nach innen zu gehen; deine alte Identität wird verschwommen, immer verschwommener, beginnt sich aufzulösen. Du kennst dich nicht, und alles, was du über dich weißt, löst sich allmählich auf … und irgendwann stehst du dazwischen.

Dies ist ein vorbeigehender Augenblick. Du bist noch nicht eingetreten, hast aber die Außenwelt weit hinter dir gelassen. Jetzt stehst du auf der Schwelle. Die Welt ist nicht mehr da, aber du bist auch noch nicht da: In dem Augenblick kommt man sich unwirklich vor, bloß wie ein Phantom, da man ja keine Ahnung hat, wer man ist, und alle früheren Vorstellungen dahin sind.

Und tatsächlich kann keiner das Ego hinter sich lassen, da es kein Ego gibt. Wenn ich sage „das Ego hinter sich lassen“ heißt das einfach nur zu erkennen, dass es das Ego nicht gibt, dass es nichts Wirkliches ist, das man transzendieren oder aufgeben kann, sondern eine irreale Vorstellung ist – was es einfach nur zu verstehen gilt. Diese Erkenntnis ist das Transzendieren.

Du stehst auf der Schwelle. Du hast endlich verstanden, dass deine Identität in den Augen anderer nicht stimmt. Darum kannst du dein Ego nicht herstellen. Das Ego bekommt einfach keine Nahrung mehr. Du kommst dir unwirklich vor. Das Ego war bisher deine einzige Wirklichkeit und du fühlst dich verloren, du weißt nicht, wo du bist, aber ich weiß, wo du bist. Du bist genau zwischen zwei Welten – dem Diesseits und dem Jenseits. Du befindest dich in einem Moment des Übergangs zwischen sansar und Sannyas, zwischen der Welt und der wirklichen Entsagung.

Nunmehr, in diesem Augenblick wird von dir nicht erwartet, irgendetwas zu tun – weil dich alles, was du tust, in die Welt zurückführen wird. Alles Tun wirft die Leute in die Welt zurück. Du brauchst jetzt gar nichts zu tun. Du darfst gar nichts tun, sondern musst einfach nur warten und beobachten. Am besten legst du die Hände in den Schoß …

Rühr keinen Finger und versuche nicht die Situation nicht ändern; wenn du sie nämlich ändern willst, wirst du dich wieder auf deine altbekannte, vertraute Welt verlassen, wirst du dich wieder an deine alte Identität klammern. Wart einfach nur ab. Indem du einfach nur wartest, wirst du in deine Innenwelt gleiten. Dafür brauchst du keinen Finger zu rühren, da hilft nur Nichtstun. Ich weiß, das ist sehr unbequem, sehr beunruhigend. Man möchte etwas Greifbares haben, und es ist so ungreifbar. Aber wart ab.

Dies ist es, was man tapascharya nennt, die Durststrecke auf dem spirituellen Weg. Dies ist das Unerträgliche, das wirklich Unerträgliche – wenn man das Alte verliert und das Neue noch nicht da ist. Du hast es gewagt, vom Alten abzuspringen und weißt immer noch nicht, wo du landen kannst – hängst einfach nur dazwischen, im Nirgendwo. Das ist unangenehm, aber warte nur. Alles wird sich von selber regeln.

Laotse nennt es wu wei – untätiges Tun, passives Tun. Du rührst keinen Finger, du wartest nur ab, und alles geschieht … nur weil du wartest.

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